Wirklichkeit und Realität

„Was ich besitze, verschwimmt wie im Weiten,
Und was verschwand wird mir zu Wirklichkeiten“.

Mit diesem Vers endet Goethes Zueignung zum Faust, das erste der drei Vorworte die er vorausschickt, ehe die eigentliche Tragödie beginnt. Die Zueignung ist eine Art innerer Monolog, in dem Goethe sich gewissermaßen selbst Mut zuspricht, angesichts der titanischen Kraftanstrengung, die vor ihm liegt. Schon in der Jugend hatte er eine diffuse Ahnung dessen, um was es gehen wird, wenn er von den „schwankenden Gestalten“ spricht, die sich erneut nahen, und die er jetzt als gereifter Mann in seinen Sechzigern nun überhaupt erst in der Lage ist zu durchdringen und das Höchstkomplexe zu Papier zu bringen.

Einseitiges Streben bringt keine Erkenntnis

„Was ich besitze“ ist das, was real ist. Das, was ich anfassen kann, worüber ich mich mit anderen unterhalten kann, was sichtbar, was sinnlich erfahrbar ist. Das ist die Realität, in der es eine bestimmte politische Lage, Krieg, Weihnachten, Ländergrenzen, Krankheiten, Religionen, Bräuche und dergleichen gibt. „Was ich besitze“ ist das, was BEWUSST ist. Doch das verschwimmt in der Bedeutungslosigkeit, wird irrelevant in Bezug auf „das, was die Welt im Innersten zusammenhält“ – das große Ziel des Faust, dem er „ach“ ein strenges Leben des Studiums von „Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie“ geopfert hat, ohne auch jemals nur ansatzweise des letzten Geheimnisses habhaft zu werden. Was ihn nachts in seiner Studierstube zum Schierlingsbecher greifen lässt, ist die Erkenntnis, dass mit aller Strebsamkeit, mit allem Studium und mit aller fachübergreifenden Erweiterung des Bewusstseins der Schlüssel des Lebens nicht zu knacken ist. Da kommt der Teufel in Gestalt des Mephistoteles ins Spiel. Wörtlich übersetzt ist das „der Lichthasser“, also derjenige, der, dem Licht abgewandt, die „dunkle“ – die unbewusste – Seite vertritt. Auf dieser Seite verschwand so einiges in den Tiefen des Unbewussten. Und genau das, so sagt Goethe in seinem Vers, „wird mir zu Wirklichkeiten“, wird relevant um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“.

Realität vs. Wirklichkeit

Schon zu Goethes Zeiten wurde Realität mit Wirklichkeit gleichgesetzt. Doch hat das Genie in seinem fortgeschrittenen Alter erkannt, dass zwischen beidem ein himmelweiter Unterschied besteht. Hatte er sich im Sturm und Drang noch mit einem Werther beschäftigt, der übermannt von Gefühlen die Realitäten des Lebens für so unerträglich hielt, dass er sich eine Kugel in den Kopf jagte, interessiert den alten Goethe, wodurch eben jene „Gegebenheiten des Lebens“ zustande kommen, wer sie kreiert, wer das macht. Antwort: niemand anderes als der Mensch. Insofern wären die Gegebenheiten des Lebens – des Menschen Realität – von ihm er-wirkt. Realität wäre demnach alles, was er-wirkt ist. Unter diesem Aspekt stellt sich aber die Frage nach dem „was wirkt“, dem Wirkenden – nach der „Wirklichkeit“. Die Wirklichkeit bezeichnet das „Wirkende“, die Realität das „Er-wirkte“.

Die Wirklichkeit ist das was „wirkt“

„Was ich besitze verschwimmt wie im Weiten, Und was verschwand wird mir zu Wirklichkeiten“. Unter dem Aspekt des vorher Gesagten könnte hervorgehen, dass Goethe hier vermutet, dass das was wirkt im „Verschwundenen“, im Unbewussten liegt. Übertragen auf Psychotherapie heißt das „Realität“ in Form von Depression, Partnerstreitigkeiten, Krankheiten, Substanzmissbrauch oder was auch immer sind Ausdruck von etwas dahinter Wirkendem. Und genauso aussichtslos wie Fausts akademisches Streben nach letztendlicher Erkenntnis ist es, „Realität“ durch bestimmte Konzepte, Therapien oder Medikamente in den Griff zu bekommen – denn nur das Erkennen des Wirkenden verspricht echte „Heilung“. Die alten Griechen wussten noch um die Teilung von Physis und Metaphysis – um die Unterscheidung des Stofflichen, Körperlichen und dem Nichtstofflichen, wörtlich „hinter dem Stofflichen liegend“. Daher nahmen auch die Riten, Zeremonien, die Götterwelt und deren Anbetung als auch die Theaterform der Tragödie einen so breiten Raum ein – kein Theater mit Handlung in unserem heutigen Sinne, ging es darin vielmehr um die Reinigung und die „Heilung“ der Seele des antiken Menschen.

Physik und Metaphysik

Physis ist der körperlich, stofflich gewordene Ausdruck von Metaphysis, eines dahinter liegenden Konzepts oder einer Idee. Erst kommt die Metaphysis, ihr folgt die Physis – das ist die Reihenfolge. Veränderung auf der materiellen Ebene herbeiführen zu wollen ist damit sinnlos weil sie nur „Ausdruck von …“ ist. Echte Veränderung, echte Vervollkommnung oder echte Heilung setzt immer auf der immateriellen, meta-physischen Ebene an. Das Problem an ihr ist jedoch, dass ich sie nicht sehen, nicht anfassen kann. Demgegenüber mache ich doch die körperliche Erfahrung, dass mich mein Partner schlecht behandelt, Vereinbarungen nicht einhält, mich betrügt und dergleichen. „Was soll der metaphysische Quatsch, wenn er mich bescheißt?“ …. Ja, und trotzdem! Das „Konkrete“ ist anders motiviert, als es den Anschein hat – der „Betrug“ ist nur die stoffliche Manifestation eines dahinter liegenden Konflikts. Und zum Konflikt gehören in einer Beziehung zwingend immer zwei Seiten.

Realität ist subjektive Wahrheit

Die Qualität eines Therapeuten zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er auf der konkreten Ebene Tipps und noch so gut gemeinte Ratschläge gibt sondern in der Lage ist, aus der materiellen Ebene – aus dem, was sich konkret zugetragen hat – auf die immaterielle Ebene zu schließen und seinem Klienten dadurch den Weg zu echter Veränderung zu weisen. Faust konnte auch nur als „glücklicher Mensch“ sterben, nachdem er sich nach und nach in all seinen Facetten erkannt hat. Der Weg, der ihn dahin geführt hat, hieß „Mephistoteles“, das Phänomen, das all das beinhaltete was nicht im Licht seines Bewusstseins lag – der Spiegel seiner selbst. Das, was wir als bewusste Menschen für die Wahrheit halten, ist nicht DIE Wahrheit – das ist immer nur subjektive Wahrheit. Was wir meistens übersehen, ist, dass unser Bewusstsein nur ein Hundertstel dessen ausmacht, was im Gehirn verarbeitet wird – das was uns zum überwiegenden Teil steuert, liegt im Unbewussten. Für Entwicklung und Veränderung ist es also unerlässlich, unsere Wahrheiten immer wieder zu überprüfen. Und an der Stelle passt das Zitat von Nietzsche: „Der Glaube an die Wahrheit beginnt mit dem Zweifel an allen bis dahin geglaubten Wahrheiten.“

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