Vom „Vor“-werfen und nicht mehr „zurück“-werfen

„Du bist …“, „Nein, Du bist …“, „Das machst Du ja schon immer …“, „Stimmt nicht, neulich war das, was Du gemacht hast um ein Vielfaches schlimmer …“. Das gewohnte Spiel des Sich-gegenseitig-vorwerfens läßt sich bis in alle Ewigkeit fortsetzen. Und Paare spielen dieses Spiel mitunter mit einer geradezu bewundernswerten Konsequenz – werden darüber krank, verlieren jede Lebensfreude, ja manchmal sogar ihr Leben. Worum wird, obwohl man sich eigentlich doch liebt, so erbittert gestritten? Dass es tatsächlich um den Auslöser, z. B. einen umher liegenden Strumpf, einen in die Spülmaschine falsch eingeräumten Teller geht oder ob das Kind die Folge noch zu Ende gucken darf, ist unwahrscheinlich. Es geht ums Rechthaben. Aber worüber will man im Recht sein?

Kinder füllen ihren „Lebensrucksack“ mit Gleichungen.

Die prägenden Jahre bei einem Kind sind die zwischen null und sechs. In dieser Phase lernt das Kind alles über: wer es selbst ist, über wie Frau und wie Mann ist, wie Beziehung funktioniert, was Glück ist, wie Konflikte gelöst werden – die Liste ließe sich unendlich fortsetzen. Das Baby kommt als hilfloses Geschöpf auf die Welt, das noch über keinerlei Fähigkeiten verfügt. Seine kleine Festplatte im Kopf ist noch vollkommen leer. Aus diesem Zustand will der neue Erdenbürger aber schleunigst heraus, will krabbeln, dann laufen, will, verstehen, will im wahrsten Sinne des Wortes „be-greifen“. Es will Teil dieser Welt werden und seinen Beitrag zu ihrem Lauf leisten. In dieser Phase plappern Kinder alles nach, imitieren ihre Eltern, nehmen sich die Großen zu ihren Vorbild, spielen Leben in der Puppenstube nach oder arbeiten auf der Baustelle in der Sandkiste. Die Kleinen lernen von den Großen. Dabei beobachten sie minutiös und nichts entgeht ihnen.

Kinder fangen erst mit ca. eineinhalb Jahren an, sich selbst als eigenständige Wesen wahrzunehmen. Die berühmte Trotzphase, in der das Kind definiert, wer es in der Abgrenzung zu „Welt“, zu Mutter und Vater, zu Gleichaltrigen selbst ist. Dabei ist es dem zu 100 Prozent ausgeliefert, was es vorgelebt bekommt, kann es doch selbst noch nicht unterscheiden, abstrahieren oder bewerten. Wächst das Kind in einem Klima von Zwängen und Repression heran, bildet es die Überzeugung aus „Leben = Zwang“. Was bildet das Kind, das ständig zu etwas gezwungen wird, für eine Überzeugung über sich selbst aus? Z. B. „Ich = machtlos“. Wenn das Kind den Vater als den erlebt, der Zwang ausübt, bildet es möglicherweise die Überzeugung: „Mann = unfair“. Wenn die Mutter unter den Zwängen des Vaters leidet, bildet sich das Kind z. B. die Überzeugung: „Frau = Opfer“. Leben Mutter und Vater in einem Verhältnis von Oben und Unten, bildet sich das Kind z. B. die Überzeugung: „Beziehung = Assymmetrie“. Usw. usw.

Es gibt nur subjektive Wahrheiten

Mit ca. sechs Jahren geht ein Kind in die Schule, macht also den ersten Schritt in die Selbständigkeit – ganz allmählich den ersten Schritt in die Lösung von den Eltern. Um diesen Schritt gehen zu können, hat es sich die ersten sechs Jahre alles Wissenswerte über die Welt angeeignet. Denkt es. In Wirklichkeit ist das, was es für die Wahrheit hält, lediglich die Wahrheit der Eltern, deren gelebte Wahrheit über Beziehung, deren Wahrheit, wie Konflikte gelöst werden, deren Wahrheit über den Umgang mit Aggressionen etc. Weil das Kind aber der Meinung ist, das es im Besitz DER WAHRHEIT ist, die es unbewusst von seinen Eltern übernommen hat, wird es in seinem künftigen Leben immer versuchen, diese Wahrheit, bestehend aus unzähligen Meinungen, Bewertungen und Urteilen, zu bestätigen, um sich nicht ins Unrecht zu setzen. Nun hat das Kind 30 Jahre später einen Partner oder eine Partnerin, die seiner/ihrerseits ein Konglomerat an Meinungen und Bewertungen, über die er/sie sich nicht ins Unrecht setzen will. Und in diesem Moment reicht ein Socken in der Waschmaschine als Auslöser für einen erbitterten Streit darum, wer die „wahrere Wahrheit“ hat

DIE WAHRHEIT aber ist: Es gibt überhaupt keine Wahrheit. Es gibt nur zwei subjektive Meinungen über die Wahrheit – abhängig davon, was die jeweiligen Bezugspersonen und die Umwelt in der Kindheit vorgelebt haben. Was Paare im Streit uns Rechthaben NIE gemacht haben? Definiert, was ihre eigene gemeinsame Wahrheit ist, in welchem Verhältnis sie miteinander leben wollen, was sie gemeinsam erleben wollen, wie sie ihre Kinder erziehen wollen, welche Werte ihnen gemeinsam wichtig sind etc.. Wem das bewusst wird, braucht das nervige Spiel ums Rechthaben nicht mehr mitspielen, sondern kann dem auf bewusster Ebene etwas entgegensetzen – kann bewusst darauf verzichten, wenn ihm etwas VORgeworfen, etwas ZURÜCKzuwerfen.

Auf einen VORwurf nichts mehr ZURÜCKwerfen

Es kommt der VORwurf: Du hast schon wieder das Geschirr nicht eingeräumt, obwohl ich Dich jetzt schon drei Mal darum gebeten habe! Anstatt ZURÜCKzuwerfen, stellt derjenige, der keine Lust mehr auf Vorwürfe hat, ganz einfach fest: „Ah, Du bist also der Meinung, dass ich das Geschirr nicht eingeräumt habe, obwohl Du mich schon drei Mal gebeten hast.“ Ohne Unterton, ohne Ironie ohne Kommentar, ohne Bewertung einfach nur das wiederholen, was der andere gerade gesagt hat. Das hat zwei Effekte: Zum einen bedeutet man dem anderen, dass man genau hört, was er sagt – zum anderen reagiert man aber nicht mehr darauf sondern lässt das Gesagte als seine Meinung schlicht so stehen. Reagiert das Gegenüber daraufhin gereizt mit einem VORwurf: „Was soll denn das jetzt??“, unterbleibt das ZURÜCKwerfen, einfach indem nur gespiegelt wird was man beim anderen sieht oder von ihm hört: „Ah, ich kriege mit, dass Du gereizt bist.“ Dann kann aus dem anderen der VORwurf herausplatzen: „Du Arschloch!“ Anstatt ZURÜCKzuwerfen: „Aha, Du bist der Meinung, ich sei ein Arschloch.“ Wer dem anderen konsequent bedeutet, dass er das gewohnte Spiel aus VORwurf und ZURÜCKwerfen nicht mehr mitspielen will, zwingt den anderen früher oder später, innezuhalten und nachzudenken. Der Moment ist gekommen, an dem man ruhig über neue, gemeinsame Regeln des Miteinanders sprechen kann.

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