Systemische Therapie

Was versteht man eigentlich unter „systemisch“? Traditionellerweise geht man davon aus, dass der Mensch Teil eines Systems aus vielen unterschiedlichen Mitmenschen und Zusammenhängen ist: Familie, Freunde, Kollegen, Partner, Kinder, Chef, privates- und Arbeitsumfeld, Sportverein usw.. Man folgert weiterhin, dass der Mensch nicht nur Produkt seiner Eltern ist, sondern die Definition seiner Realität sich aus vielen Faktoren zusammensetzt, die Einfluss haben. Deshalb werden die jeweiligen Personen oftmals in die Sitzungen mit einbestellt. Das ist mit Sicherheit nicht schädlich, schiebt die Frage nach dem „WARUM leidet die Person unter dieser oder jener Person bzw. einer Situation?“ aber doch wieder nur auf „die anderen“, auf „Pech“, „Zufall“ oder „die Umstände“.

Beeinflussen Situationen unsere Realität? Oder beeinflusst unsere „Realität“ die Situationen, in denen wir uns wiederfinden? Erfahren wir unser Leben passiv, quasi als Spielball von Welt, Gott, dem Partner, dem Chef usw.. Oder sind wir aktiver Gestalter unseres Lebens – und damit vollumfänglich verantwortlich für alles was uns passiert. Die allermeisten werden jetzt aufschreien: „… und die Frauen sollen jetzt auch noch selbstverantwortlich sein, dass Männer sie vergewaltigt haben? Kinder, die in Steinbrüchen schuften? Oder Regimekritiker, die eingesperrt wurden“ – das ist ja der Gipfel des Zynismus!“ Gewiss.

Das Ende des Kampfes

In Matthäus 5,38-42 sagt Jesus: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“. Ist das nur der Ratschlag eines masochistischen Gutmenschen oder was meint dieser Spruch eigentlich, wenn man ihn für einen Moment aus dem Kontext der Bibel herauslöst? Wer Widerstand leistet, gibt Energie in einen Kampf gegen einen unerwünschten Zustand, der auf unterschiedliche Art und Weise Druck auslöst. Diesem Druck begegnet man mit Gegendruck, den man immer weiter erhöht, weil man das, was sich einem bietet, zum Verschwinden bringen will. Doch je mehr man dagegen hält, desto mehr erhöht das, was man zum Verschwinden bringen will, seinerseits den Druck. Was dabei nur übersehen wird: Man kämpft GEGEN etwas und lenkt seine Aufmerksamkeit nur noch auf das, was weg soll. In dieser Bewegung verliert man irgendwann komplett die Aufmerksamkeit für sich selbst, für die eigenen Wünsche und Bedürfnisse – man sieht sich selbst als Opfer des anderen, der Umstände, des Systems o. ä..

Die Übernahme von Selbstverantwortung

Keinen Widerstand zu leisten bedeutet, die Aufmerksamkeit bei sich zu belassen. Als Opfer sich von keinem Täter abhängig zu machen, der einem seine Spielregeln aufzwingt. Sondern frei in seinen Entscheidungen zu bleiben und die Verantwortung für das eigene Denken und Handeln zu 100 Prozent in den Händen zu behalten. Es bedeutet, sich in das Unvermeidliche anzunehmen und dadurch die Kontrolle über die Situation zu behalten. Jeder Konflikt, auch jeder Beziehungskonflikt, basiert auf dem Widerstand gegen etwas, was man auf keinen Fall haben will. Der Kampf GEGEN zermürbt. Statt dessen ist das Werben FÜR die eigenen Vorstellungen konstruktiv und verbindet.

Vor diesem Hintergrund erscheint mir die Einbeziehung des Umfeldes in die Therapie zweitrangig. Grundlegend für jedwede Veränderung ist in allererster Linie die Übernahme der vollständigen Selbstverantwortung für das, was passiert ist. Mein primäres Ziel ist es, meinen Klienten den Standpunkt der Selbstverantwortung zu eröffnen – als Basis für wirkliche Veränderung. Selbstverantwortung als Standpunkt, von dem aus der Fokus von der Vergangenheit auf Gegenwart und Zukunft verschoben werden kann. Die Vergangenheit ist nicht mehr zu ändern, Gegenwart und Zukunft aber sehr wohl. Es kann nie darum gehen, irgendetwas „aufzuarbeiten“, in ewigen Sitzungen die Kindheit immer und immer wieder umzurühren oder das Geschehene nochmal bewusst zu durchleben. Mein einziges Ziel besteht darin, den Frieden zu machen mit Mutter, Vater, so auch der Vergangenheit und ein für alle Mal mit ihr abzuschließen.

Wären sich alle Menschen ihrer Verantwortung und damit der Konsequenzen ihres Handelns voll bewusst, könnten sie nie mehr etwas tun, was den Interessen von Mitmenschen zuwiderläuft. Dann herrschte Frieden.

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