Sozialkompetenz

Sozialkompetenz besteht in der Fähigkeit, sich in andere und deren Gefühle hineinzuversetzen. Das Spiel mit vertauschten Rollen liefert immer wieder überraschende Ergebnisse: „Ich bin jetzt mal für einen Moment lang Sie. Und Sie sind Ihr/e Partner/in“. Worüber sich mein Gegenüber vor einer Minute als Reaktion des Partners auf seinen Vorwurf noch bitter beklagt- und dessen Reaktion überhaupt nicht verstanden hat, reagiert er jetzt exakt so, wenn ICH jetzt genau denselben Vorwurf an ihn in der Rolle Partners richte. In aller Regel ist das der Moment, in dem für meinen Klienten nachvollziehbar wird, warum der andere die Reaktion gezeigt hat, die er gezeigt hat.

Die Ermöglichung von Verständnis und Empathie

Überraschend ist das deswegen, da man dem Partner bis dato finstere Absichten, Rachegelüste oder pure Lust daran, den anderen zu quälen, unterstellt hat – also nur das Schlechteste in sein Verhalten hinein interpretiert hat. Nun ist es möglich, die Rolle des anderen einzunehmen und zu erkennen, dass die Reaktion aus dessen Sicht absolut nachvollziehbar war. Das ist der Zeitpunkt, in dem man plötzlich Verständnis und Empathie für den anderen aufbringt. Unter dem Aspekt ist es mehr eine rhetorische Frage, ob ein Streit eher im Rahmen von Konfrontation und Rechthabenwollen gelöst wird oder im Kontext von Verständnis und Empathie?

„Gehe hundert Schritte in den Schuhen eines anderen, wenn Du ihn verstehen willst“, sagt ein indianisches Sprichwort. Was nichts anderes heißt, dass Menschen IMMER in einer für sie gewinnbringenden Absicht handeln. Und dieser Gewinn liegt immer darin, sich zu schützen – aus des Menschen ureigenen Bedürfnis heraus, sich sicher zu fühlen. Bedauerlicherweise ist diese Absicht fast nie evident sondern verschanzt sich hinter einer Tarnung aus bestimmten Formulierungen und Handlungen. Sie sind nichts weiter als Formulierungen und Handlungen, werden aber von Mitmenschen beispielsweise als aggressiv, unmöglich oder schizophren interpretiert. Und in den seltensten Fällen hat der Betreffende selbst Klarheit über seine Absichten.

Die Motive und die Absichten des anderen verstehen

„Gehe hundert Schritte in den Schuhen eines anderen, wenn Du ihn verstehen willst“, heißt: „Lerne zu verstehen, was die ABSICHT des anderen ist!“ Lerne zu verstehen, welche Umstände, welche biographischen Erfahrungen und was ihn in der Situation dazu bewegt, so zu handeln wie er handelt. Selbstverständlich kann man über dieses Handeln geteilter Meinung sein – um den Konflikt aber schnell einer Lösung zuzuführen, ist es notwendig, das Handeln des anderen zunächst mal nachvollziehen zu können. Fachterminologisch spricht man in der Psychologie von einer „plausiblen Intention“ – letztlich die „vernünftige“ Erklärung für jedes scheinbar noch so absurde Verhalten.

Der Therapeut und seine Funktion

Bei allem menschlichen Verhalten, das oft scheinbar an Absurdität grenzt, ist mir dennoch ein durch und durch positives Menschenbild zu eigen. Unter juristischen Aspekten gesehen, sind bestimmte Verhaltensweisen strafbewehrt – und das ist im Sinne eines gesellschaftlichen Zusammenlebens auch absolut richtig und gut. Unter dem therapeutischen Aspekt ist es aber kontraproduktiv, menschliches Verhalten in irgendeiner Art und Weise zu werten, würde man damit doch seine „neutrale“ Position aufgeben und anfangen Verhalten und Personen in besser und schlechter einzuteilen. Das widerspräche dem Gleichheitsparagraph im Grundgesetz. Ein Mensch bleibt unabhängig von seinen Handlungen – und seien sie unter Moralgesichtspunkten auch noch so verwerflich – immer ein Mensch und muss als Mensch Behandlung erfahren. Sonst werden die, die im Namen der Gerechtigkeit agieren selbst zu Schuldigen. So endete das Hören auf den Willen des Volkes vor rund 2.000 Jahren damit, dass der Archetypus des „Menschen“ bei lebendigem Leib ans Kreuz genagelt und ermordet wurde.

Juristische Milde gegenüber Schwerverbrechern stürzt eine Gesellschaft langfristig ins Chaos. Selbst stürzt sich ins Chaos, wer nicht menschlich, fair und zugewandt mit ihnen umgeht.

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