Selbstwirksamkeit

Ver-antwortung besteht in einer Aufgabe – der Aufgabe sich Antwort zu geben. Die Antwort auf Situationen, auf Begegnungen oder auf Dinge, die einem passieren. Der Begriff Selbst-verantwortung impliziert die Aufgabe, Antworten auf die Dinge zu finden, die einen selbst betreffen, die man selbst auf irgendeine Art zu lösen hat – etwa einen Partnerschaftskonflikt. Zwei jeweils eigenständige Meinungen treffen aufeinander – das Paar möchte vordergründig einen Konsens finden. Hinter der Vordergründigkeit verbirgt sich aber noch eine zweite Ebene: in Wahrheit möchte man, dass der Partner sich der eigenen Meinung anschließt. Ohne weiteres könnte man – wenn keine Gemeinsamkeit gefunden wird – die Meinung des Partners stehen lassen und weiters in Frieden zusammenleben. Aber weshalb eskalieren Konflikte im Zusammenleben häufig zu Kampf und oft genug sogar zu täglichem Krieg, ohne dass beide Seiten das wollen?

Der Konflikt hinter dem Konflikt

Der Auslöser kann noch so nebensächlich und klein sein – trotzdem kämpfen Menschen um ihre Meinung, ihre Sichtweise oder ihren Standpunkt als ginge es um Leben und Tod. Das ist nicht nachvollziehbar, geht es vordergründig doch nur um Fragen, wie das korrekte Einräumen der Spülmaschine, ob die Kinder die Sendung noch ein bisschen spielen dürfen oder wie eine Zahnpastatube richtig ausgedrückt wird. Aber wenn es nicht um banale Auslöser geht, worum geht es denn dann? In meiner Erfahrung immer um die Frage: Wer hat Recht?

Es folgt nur der Logik, dass der, der im Recht zu sein glaubt, den anderen ins Unrecht setzt. Das daraus entstehende Gefälle erzwingt ein Verhältnis, in dem sich einer oberhalb des anderen positioniert. Das Problem: Kein Mensch möchte in einer Partnerschaft freiwillig unter dem anderen stehen. Er versucht, den Spieß umzudrehen. Als Folge davon zahlt es ihm der andere heim. Als Folge davon zahlt es ihm die andere Seite daraufhin wieder heim. Daraufhin zahlt es der andere … usw. usw.. Die Nachdruck-Schraube wird dabei immer ein Stückchen fester angezogen, weil beide hoffen, der andere müsse es ja irgendwann verstehen, wenn man nur laut genug schreit. Auf absehbare Zeit wird dieses Konflikt-Konzept irgendwann extrem anstrengend, kraftraubend und beraubt die Partnerschaft jeglicher Fröhlichkeit und Leichtigkeit, die anfangs doch mal dagewesen waren. Die Frage steht im Raum: Was löst den erbitterten Streit um Nichtigkeiten aus?

Die Konstruktion von Realität

Ohne Ausnahme konstruiert sich jeder Mensch „Welt“ aus gemachten Erfahrungen und vor allem daraus, was er von den Eltern vorgelebt bekam. Schon die Eltern dachten, das Leben sei schwer? Dann überträgt sich diese Meinung 1:1 auf das Kind. Da ein Kind bis zum Alter von sechs Jahren weder abstrahieren noch vergleichen kann, nimmt es das, was es von Mutter und Vater vorgelebt bekommt, als unumstößliche Wahrheit – hier: das Leben ist ein schwieriges. Ab diesem Zeitpunkt richtet das Kind seinen Fokus auf Schwere und beginnt, Beweise für die Richtigkeit dessen zu sammeln, was es über das Leben von den Eltern gelernt hat. Als Folge davon gestaltet es sich tatsächlich ein schweres Leben mit heftigen Schicksalsschlägen, Verlusten, chronischen Krankheiten etc., um sich selbst in seinen erworbenen Meinungen nicht ins Unrecht zu setzen. Über die Jahre vergisst es, dass es sich lediglich um die Sichtweise der Eltern über das Leben handelt und übernimmt deren Meinung mehr und mehr als seine eigene. Es HAT diese bestimmte Meinung dann irgendwann nicht mehr, sondern WIRD mit jeder Faser seines Körpers zu dieser Überzeugung. Trifft es dann auf einen Partner, der seinerseits erworbene Überzeugungen hat, nimmt es das nicht zum Anlass für eine bereichernde Diskussion sondern als Bedrohung für die eigene Existenz.

Gelernte Rollen- und Beziehungsmuster

Analog zum „Leben“ verhält es sich bei den Themen „Frau“ und „Mann“ genauso. Das Kind lernt von seinen Eltern. Wie hat es das Elternhaus erlebt? Hat sich die Mutter selbst als Opfer und den Vater als Täter gesehen? Und wie hat der Vater ihr ihre schlechte Meinung über „Mann“ heimgezahlt? Die Beziehungsdynamik, die das Kind im Elternhaus erlebt hat, wiederholt es dann meiner Erfahrung nach in 90 Prozent der Fälle in den eigenen Beziehungen. Warum? Ganz einfach deswegen, weil kein anderes Beziehungsmuster angeboten wurde. Und es geht nie um die Frage: War das gut oder schlecht? Vielmehr geht es darum, ob für meinen Klienten die erlernten Muster in seiner eigenen Beziehung funktionieren oder er sich etwas anderes wünscht. An dieser Stelle erlebt er Selbstwirksamkeit – macht die Erfahrung, dass wenn er Sichtweisen, Meinungen oder Überzeugungen verändert, sich auch seine Realität binnen kurzem zum Positiven verändert.

Es ist müßig, über Spülmaschinen, Kindererziehung und Zahnpastatuben zu sprechen und über diese Themen Konsens herstellen zu wollen – wie es Alltag in der therapeutischen Praxis ist. Meine Arbeit konzentriert sich alleine darauf, grundlegende und uralte Meinungen, Urteile und Bewertungen über „Frau“, „Mann“, „Leben“, „Glück“, „Familie“, „Konfliktlösung“ etc. aufzudecken, bei Bedarf zu verabschieden und neu zu definieren. Und eben, weil diese entscheidenden Bewertungen „uralt“ sind, haben Konflikte ihre Ursache in den seltensten Fällen im Partner sondern immer in der eigenen Biographie. Insofern erklären sich auch die Einzelsitzungen in meiner „Paartherapie“. Die Voraussetzung für eine Beziehung in einer neuen positiveren Qualität, ist die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, trotz der eigenen Biographie mit der Vergangenheit abzuschließen und neu wählen zu können. Nur wer die volle Verantwortung für sich und sein Leben übernimmt, braucht auf niemand anderen mehr zu warten sondern sitzt am Steuer seines eigenen Lebens.

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