Rollenspiel

„Ich bin jetzt mal für einen Moment lang Sie. Und Sie sind Ihr/e Partner/in“. Eine Situation mit vertauschten Rollen nachzuspielen, bringt fast immer ein überraschendes Ergebnis. Eben noch hat mein Gegenüber die Reaktion des Partners auf seinen Vorwurf bitter beklagt und dessen Reaktion überhaupt nicht verstanden. Jetzt richte ich denselben Vorwurf an mein Gegenüber in der Rolle Partners. Als der reagiert er jetzt genauso, wie er sich vor einer Minute noch über die Art und Weise beklagt hatte, wie der andere regiert habe. Oft ist das der Moment, in dem mein Klient nachvollziehen kann, warum der andere so reagiert hat, wie er reagiert hat.

Der Weg zu Verständnis und Empathie

Das ist überraschend, weil man dem Partner bis zu diesem Zeitpunkt nur das Schlechteste unterstellt hat: finstere Absichten, Rachegelüste oder pure Lust daran, andere zu quälen. Jetzt stellt man in der Rolle des anderen fest, dass dessen Reaktion absolut plausibel war. An dieser Stelle beginnt man Verständnis und Empathie für den anderen aufzubringen. Eher eine rhetorische Frage: Wird ein Streit eher im Kontext von Konfrontation und Rechthabenwollen gelöst oder in einer verständnisvollen, empathischen Atmosphäre?

„Gehe hundert Schritte in den Schuhen eines anderen, wenn Du ihn verstehen willst“, sagt ein indianisches Sprichwort. Menschen handeln IMMER in einer für sie gewinnbringenden Absicht. Letzten Endes besteht dieser Gewinn immer darin, sich schützen zu wollen – immer aus dem Bedürfnis heraus, sicher zu sein. Leider liegt jemandes Absicht selten offen zutage sondern versteckt sich gut hinter bestimmten Formulierungen und Handlungen, die von den anderen als z. B. als aggressiv, unmöglich oder schizophren gedeutet werden. Und meist ist dem Betreffenden selbst seine Absicht am wenigsten klar.

Lernen, die Absicht des Partners zu verstehen

„Gehe hundert Schritte in den Schuhen eines anderen, wenn Du ihn verstehen willst“, meint: „Lerne die ABSICHT des anderen zu verstehen!“ Verstehe, aus welchen Umständen heraus, aus welcher Biographie und welcher Situation heraus er handelt. Über sein Handeln lässt sich natürlich durchaus streiten – um den Konflikt aber in beiderseitigem Interesse zu lösen, muss man das Handeln des anderen allerdings zunächst einmal verstehen. Denn für jedes noch so absurd scheinende Verhalten gibt es letztlich eine „vernünftige“ Erklärung. In der Fachterminologie spricht man in diesem Zusammenhang von der „plausiblen Intention“ aus der heraus er handelt.

Die Rolle des Therapeuten

Bei allen Absurditäten menschlichen Verhaltens habe ich – persönlich – ein zu hundert Prozent positives Menschenbild. Dass manches Verhalten strafbewehrt ist, ist im Sinne des gesellschaftlichen Zusammenlebens vollkommen in Ordnung und auch notwendig. Dem Berufsethos des Therapeuten widerspricht es jedoch, jegliches menschliches Verhalten zu werten und den Klienten damit zu klassifizieren und einzusortieren. Das widerspräche dem Gleichheitsparagraph im Grundgesetz. Ein Mensch, egal was er getan hat, bleibt ein Mensch und muss meiner Meinung nach als solcher behandelt werden – im Sinne der Humanität ebenso wie im therapeutischen Sinne. Denn die Konsequenz des Hörens auf Volkes Stimme endete vor gut 2.000 Jahren grausam, als „der Mensch“ bei lebendigem Leib an ein Kreuz genagelt wurde.

Juristische Milde gegenüber Schwerverbrechern stürzt eine Gesellschaft langfristig ins Chaos.Selbst stürzt sich ins Chaos, wer nicht menschlich, fair und zugewandt mit ihnen umgeht.

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