Psychotherapie

Das Wesen der Psychotherapie

Die Wortbestandteile von Psychotherapie stammen aus dem Altgriechischen: Psyche für Seele und therapeuein für heilen. Heilen – was impliziert dieses Wort eigentlich? Was geheilt- was wieder ganz gemacht werden kann, muss vorher zwingend in zumindest zwei Teile zerfallen sein. Psychologisch nennt man diese beiden Bestandteile „Bewusstes“ und „Unbewusstes“. Neurowissenschaftliche Forschungen ergaben, dass nur auf den Anteil von einem Prozent dessen, was das Gehirn leistet, bewusst Einfluss genommen wird. Der Rest – also 99 Prozent geht unbewusst vonstatten. Welchem Paar wäre das unbekannt: Trotz x-maligem Sprechens darüber und gegenseitiger hochheiliger Schwüre, bei der nächsten Auseinandersetzung mal besonnen und ruhig zu reagieren, um das altbekannte Aufschaukeln und den anschließenden Eklat zu verhindern, lässt beide ein Etwas aus den Tiefen des Unbewussten so agieren wie sie schon immer agiert haben. Es eskaliert wieder und endet im Eklat. Und warum ist das so?

Die Gefahr bei einem Eisberg lauert unter der Wasseroberfläche

In ein Schiff dringt Wasser ein. Wieso, warum – soweit das Auge reicht, absolut ruhige See. Des Rätsels Lösung: Außerhalb der Sichtweite befindet sich ein Eisberg. Sein weitaus größerer Teil liegt aber unter Wasser und ragt in einem Umkreis von mehreren Kilometern unterhalb der Wasseroberfläche ins Meer. Legt man diese Analogie über psychisches Verhalten bedeutet das: Der weitaus größere Teil des Bewusstseins liegt im Unbewussten und führt dort unbeobachtet ein Eigenleben. Mit katastrophalen Ergebnissen – obwohl es an der sichtbaren Oberfläche doch bestens aussieht. Wie schützt man sich vor derartigen Katastrophen? Indem man sich das GANZE Bild macht – indem man das mit einbezieht – sich das bewusst macht – was unterhalb der Wasseroberfläche liegt. „Bewusstmachung“ – das ist in meinen Augen die Aufgabe des Psychotherapeuten. Dasjenige wieder ganz oder heil zu machen – Heilung zu üben an dem, was vordem in „bewusst“ und „unbewusst“ zerfallen ist.

Ohne Deutung bleibt alles ohne Be-Deutung

Es herrschte die Sitte im alten Griechenland, dass wer Gastfreundschaft oder einen Vertrag schloss, einen kleinen Ring aus Ton zerbrach. Zerbrechen, auseinanderwerfen hieß im Altgriechischen „dia-ballein“. Beide Beteiligten erhielten je eine Hälfte des Rings. Wenn man sich wieder traf, setzte man diese beiden Hälften als „Symbol“ der Freundschaft wieder zusammen. Nicht umsonst nannte man den Vorgang des Zusammensetzens, Zusammenwerfens „sym-ballein“, wovon abgeleitet wir das Substantiv bis heute als SYMBOL kennen.

Der Ring hatte darüber hinaus noch einen zweiten, praktischen Sinn. Mittels ihm konnte ein Vertreter sich ausweisen, wenn der ursprüngliche Vertragspartner selbst nicht anwesend sein konnte. Denn trotzdem sich Vertreter und sein Gegenüber nicht kannten, war die Hälfte des Tonrings Beleg dafür, dass der Vertreter offiziell legitimiert war. So war das Symbolon das Mittel sich zu erkennen – das Werkzeug für Erkenntnis. Also muss der Therapeut in der Lage sein, symbolisch zu denken und das Vorgefallene aus dem konkreten Kontext heraus zu lösen, zu deuten und darüber seine Klienten in die Erkenntnis zu führen. Oder besser: Nicht der Therapeut selbst muss deuten, sondern er muss seinen Klienten die eigene Deutung ermöglichen können.

Das „Amtsverständnis“ des Psychotherapeuten

Häufig ist es das Problem, dass sich der Therapeut auf der konkreten Ebene des Geschehenen verstrickt. Dann gibt er, vielleicht noch aufgrund einer eigenen Betroffenheit, wohlmeinende Tipps und gute Ratschläge. In dem Moment teilt er die Situation in Kategorien wie gut, schlecht, moralisch, verwerflich, recht, unrecht etc. ein und gibt damit seine Neutralität auf. Aber Gefühle des Therapeuten haben in der Therapie absolut nichts verloren und stiften großes Unheil.

Das Selbstverständnis eines guten Therapeuten formt sich aus dem Amt, das er bekleidet – genau wie der Arzt, der Richter oder der Minister. Der Arzt leistet den hippokratischen Eid auf das Patientenwohl. Er wäre kein guter Arzt, wenn er operierte und dabei regelmäßig in Tränen des Mitleids mit dem Patienten ausbräche. Es wäre glatte Berufsverfehlung, wenn ein Richter nicht nach der Verfassung sondern nach dem eigenem Rechtsempfinden urteilte. Und ein Minister wäre nicht mehr tragbar wenn er nicht wie im beeidet, dem deutschen Volke diente ¬– sondern sich selbst be-diente.

Das Amt fordert vom Psychotherapeuten immerwährendes Bewusstsein, solange er es ausübt. Er muss es vermeiden, sich in menschliche Gefühle, Leidenschaften und Bewertungen hineinziehen zu lassen sondern muss die Dinge aus einer absolut neutralen Position betrachten. Heißt das im Umkehrschluss, dass der Therapeut „unmenschlich“ zu sein hat? Natürlich nicht. Und natürlich hilft Empathie! Ein Therapeut mag als Mensch Mord abscheulich finden, als Amtsträger muss ihn die Tat des Mörders aber ungerührt lassen, damit er ihm die Möglichkeit der Erkenntnis offenhalten kann, um darüber eine Veränderung zu bewirken.

Die Aufgabe des Psychotherapeuten besteht also darin, die „Seele“ zu „heilen“. Die Psyche definiert Wikipedia als ein Ort menschlichen Fühlens und Denkens. Die Psyche ist die Summe aller geistigen Eigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen.

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