Prägungen

Seit ich der Klient sich erinnern kann, sagte seine Großmutter, die er sehr liebte, zu ihm, er habe einen zu langen Hals. Also begann er etwa mit zwölf, sich kleine Tücher um den Hals zu knoten um ihn zu kaschieren. Jeder machte sich darüber lustig und fragte, warum er diese affigen Tücher trage? Er wechselte betroffen immer schnell das Thema. Erst mit über 30 stellte er fest, dass sein Hals ganz normal war und er die Tücher gar nicht brauchte. Wenn es draußen warm war, hat er sie sowieso gehasst. Über 30 Jahre lief er mit der Überzeugung durch die Welt: „So wie er ist, ist er nicht ok“. Über 30 Jahre lief er mit der Überzeugung durch die Welt, er MÜSSE anders sein.

Überzeugungen werden zur Realität

Das ist auf die Dauer extrem anstrengend, weil man sich ständig neu erfinden muss. Aber wer und wie man auch gerade ist, jeden Morgen wacht man auf und denkt wieder, man müsse anders sein. Aber man kommt nie bei sich an – wer-man-wirklich-ist. Es ist wie ein Drogentrip. Lässt die Droge nach, braucht man sofort neuen Stoff, damit die Illusion anhält. Und: Es bleibt eine Illusion. Schon in der Schule fand der Klient die Handschriften seiner Mitschüler charaktervoller und schöner als seine eigene. Wöchentlich reihum versuchte er deshalb die Handschriften desjenigen Mitschülers zu kopieren, den er gerade toll fand. Ergebnis: Er hat bis heute keine wirkliche Handschrift entwickelt.

Anderes Beispiel: Gang. Je nachdem, wen er gerade toll fand, imitierte er dessen Gang. Mal schlurfte er, mal verdrehte er die Füße beim Gehen nach innen – mal federte er betont oder mal versuchte er O-Beine vorzutäuschen. Ergebnis: Mit über 50 hat er heute Mühe überhaupt noch zu gehen und versucht so zu laufen, wie es der Physiotherapeut empfohlen hat. Fakt ist: Offenbar weiß er nicht, wie man richtig geht.

„Ich bin nicht ok wie ich bin“ – diese Überzeugung zog und zieht sich bis heute wie ein roter Faden durch sein Leben. Andererseits und mal bei Licht betrachtet: Dieser Satz ist nichts weiter als ein Gedanke, der mal irgendwann in seinem Kopf entstanden ist – eine Überzeugung, die er als kleiner Junge mal als „wahr“ abgespeichert hat, ganz einfach deshalb weil seine Großmutter immer wieder seinen Hals bemängelt hatte und er noch zu jung war, um sich selbst ein Urteil zu bilden.

Die Wahrheit ist: Es gibt keine Wahrheit.

„Ich bin nicht ok wie ich bin“ – ist nichts weiter als ein Gedanke. Nur ist er nach 50 Jahren so sehr zu einem Teil von einem geworden, dass man tatsächlich an ihn glaubt wie an eine unverrückbare Wahrheit. Aber weil jeder in einer Partnerschaft eine andere Wahrheit hat, reicht ein banaler Auslöser, wie ein schwarzer Strumpf in der Weißwäsche, um einen erbitterten Streit um „die Wahrheit“ zu führen. Die Wahrheit aber ist: Es gibt keine Wahrheit. Ziel therapeutischer Gespräche in meiner Praxis ist es, zu erkennen, dass alle „Wahrheit“ nur subjektive Wahrheit ist. Das erkennt, wer zurück geht in die Zeit, in dem er diese Wahrheit von seinen Vorbildern, in der Regel den Eltern, unwidersprochen übernommen hat. Erst wenn man weiß, wie man selbst funktioniert und was einen steuert, hat man die Möglichkeit, sich bewusst für ein anderes Verhalten zu entscheiden. Solange die verborgene Macht des Unbewussten einen steuert, hat man ihr nichts entgegenzusetzen: „Hundert Mal habe ich mir vorgenommen, ruhig zu bleiben, aber dann bin ich wieder explodiert. Ich verstehe mich selber nicht“.

Die „plausible Absicht“

„Ich bin nicht ok wie ich bin“ – ist nur ein Gedanke. Und wie schnell kann man einen neuen Gedanken fassen? Im Prinzip innerhalb eines Wimpernschlags. Nur: nach dem neuen Gedanken zu leben, ihn in seinen Alltag zu integrieren und ihn zu seiner neuen Wahrheit zu machen, das geht nicht von heute auf morgen. Es dauerte 30 Jahre, bis der Klient mit dem langen Hals erkannte, dass sein Hals gar nicht zu lang, sondern ganz normal war. Er liebte seine Großmutter und ganz sicher liebte sie ihn auch. Und zwar so sehr, dass sie sich Gedanken machte, wie er sich auch dem Rest der Welt noch hübscher präsentieren könnte, als er in den Augen einer stolzen Großmutter ohnehin schon war. Natürlich hat die Aussage der Großmutter erhebliche, beschwerliche Konsequenzen gehabt – die eigentliche Absicht dahinter war dennoch positiv.

Was an diesem Beispiel noch relativ einfach fällt nachzuvollziehen, ist bei Themen wie Gewalt oder Missbrauch natürlich ungleich schwerer. Doch ist es immer das Ziel, den Frieden mit der Vergangenheit, mit Mutter und Vater zu machen und in deren Verhalten – was immer sie auch gemacht haben – die „positive“ Absicht zu erkennen. Aber nicht FÜR die Eltern sondern einzig und allein FÜR sich. Es geht darum, sich von der Vergangenheit frei zu machen um frei zu leben – ansonsten bleibt man Gefangener seiner eigenen Vergangenheit.

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