Paartherapie

Mit den vielen Jahren Erfahrung kann ich guten Gewissens sagen: Ja, Beziehung in einer neuen Qualität ist möglich – WENN beide das wirklich wollen. Natürlich: Wer will schon keine Veränderung? Die Situation ist schließlich inzwischen für beide unerträglich geworden. Das Problem ist nur: bei „Veränderung“ denken beide, dass dafür erst mal der jeweils andere zuständig ist. „Jetzt ist erst mal mein Mann dran – vielleicht kann ich dann vergessen, was er mir alles angetan hat …“. „Wenn sich meine Frau jetzt nicht um 180 Grad dreht, tue ich keinen Handschlag mehr – wenn ich daran denke, was ich schon alles für sie getan habe …“. Wut, Frust und Bitterkeit herrschen auf beiden Seiten. Je länger die gegenseitigen Erwartungen schon nicht mehr erfüllt wurden, desto höher liegt die Latte der Bereitschaft wieder aufeinander zuzugehen. Es ist schon fast bewundernswert, wie konsequent und mit wieviel Energieaufwand der tägliche Kampf geführt wird – der freilich niemals zu gewinnen ist. Was sollte das denn sein, dessentwegen der andere ganz plötzlich den dringenden Wunsch verspürt, den absurden Erwartungen des Partners/der Partnerin zu entsprechen? Denn beide sind zutiefst gekränkt und verletzt.

Kein Mensch kann einen anderen ändern

Wie sehr er sich auch bemühen mag – in keines Menschen Macht steht es, einen anderen zu ändern. Die Folge davon? Kann man den anderen nicht ändern, wer bleibt dann übrig, der etwas verändern kann? Richtig: man selbst. Der erste Schritt zur Wiederannäherung und auch das Ziel des ersten Gesprächs ist, dass beide Beteiligten, die gegenseitigen Vorwürfe und Schuldzuweisungen als Sackgasse identifizieren, aus der kein Weg heraus führt. Als Ergebnis des ersten Termins stehen beide bereit, Selbstverantwortung zu übernehmen und erkennen schon vage, was der eigene Anteil am Konflikt ist.

Denn der Konflikt , mag es sich für den Moment auch noch so bizarr anhören, hat in meiner Erfahrung kausal NIE etwas mit dem anderen zu tun. Der/die andere ist lediglich Auslöser, aber NIE Ursache. Der Konflikt liegt IMMER in einem selbst. Deshalb führe ich, nach dem Erstgespräch zu dritt, in der Folge mit beiden Beteiligten zwei bis drei Einzelgespräche, in denen der eigene Anteil, der eigene Konflikt geklärt und aufgelöst wird. Erst danach findet wieder ein Abschlussgespräch zu dritt statt, wo eine neue Art der Kommunikation mit dem Erkannten trainiert wird. Denn das Neuprogrammieren des Verstandes braucht ganz viel Übung, Wachheit und geht nicht von jetzt auf gleich. Und noch etwas zeigt die Erfahrung: Wer beim anderen verharrt und die Veränderung von ihm einfordert, will den eigenen Konflikt nicht erkennen. Auch das ist selbstverständlich weder richtig noch falsch, nur werden in den nächsten Beziehungen so oder so ähnliche Probleme erneut auftreten.

Warum ist unter dem Dach von „Liebe“ das Zusammenleben eigentlich so schwer?

Meine erste Frage lautet häufig: „Warum trennen Sie sich eigentlich nicht?“ Gängige Antworten sind: „Wegen der Kinder“, „weil wir auch mal unglaublich schöne Zeiten hatten“, „weil ich bei ihm/ihr ein Gefühl von „Heimat“ habe“ oder „weil ich meine Frau/meinen Mann immer noch liebe“. Aha, „Liebe“ und der Wunsch zusammenzubleiben sind offensichtlich noch vorhanden, warum nur machen sich die Partner dann gegenseitig das Leben zur Hölle und verweigern dem anderen, was er sich wünscht? Diesem Widerspruch gehe ich gemeinsam mit den Klienten in den Einzelgesprächen nach. Eine „Paartherapie“, die größtenteils aus Einzelgesprächen besteht? Dass sich das erst mal befremdlich anhört, ist mir wohl bewusst. Ebenso, dass mein Vorgehen sich essentiell vom der Gros aller Therapeuten unterscheidet. Aber ich halte es für einigermaßen sinnlos zu versuchen, durch das endlose Besprechen einer bestimmten Begebenheit eine Verhaltensänderung zu erarbeiten, an die sich nach drei Tagen sowieso keiner mehr hält. So nähert man Paare in meiner Erfahrung einander nicht wieder an. Es geht beim Konflikt NIE um die Zahnpastatube – darüber zu reden, kostet nur Nerven, Zeit und Geld. Der Konflikt, um den es eigentlich geht, liegt auf einer anderen Ebene: nämlich in jedem selbst.

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