Paarberatung

Paarberatung ist ein Synonym für Eheberatung oder auch Paartherapie, – alles meint das gleiche, mit keinem der drei Begriffe bin ich aber wirklich glücklich. An den ersten beiden stört mich die „Beratung“, am dritten die „Therapie“. Warum?

„Berater“ gibt es viele: vom Einrichtungsberater über den Investmentberater bis hin zum Steuerberater oder Styleberater. Was sie gemein haben, sind in aller Regel eine solide Ausbildung, profunde Kenntnisse und regelmäßige Schulungen. Berater haben Kunden etwas voraus – sie kennen Tricks und Kniffe des jeweiligen Metiers. Was daraus entsteht, ist ein Gefälle von oben nach unten – demjenigen, der MEHR weiß und dem WENIGER Wissendem. An dieser Stelle sollte sich ein Therapeut fragen, ob er – nur weil „Therapeut“ auf seiner Visitenkarte steht – Beziehung per se besser beherrscht als seine Klienten – meiner Meinung tut er das auf gar keinen Fall. Der Begriff des Therapeuten suggeriert den Wissenden, der sein Wissen an die Unwissenden weitergibt und ihnen aus seiner überlegenen Position Tipps und gute Ratschläge gibt, mit denen sie aus ihrer komplizierten Situation wieder herausfinden.

Beliebte Ratschläge sind: „Verbringen Sie regelmäßig einen gemeinsamen Abend in der Woche beim Essen“, „Über Sport bauen Sie Aggressionen ab“, „Achten Sie beim Anderen auf Wünsche und Bedürfnisse“ usw. Allerdings gibt es einen unerwünschten Begleiteffekt: die Erwartungen an den gemeinsamen Abend erhöhen erfahrungsgemäß zusätzlich den Druck, ganz „natürlich“ und unbefangen Kommunikation zu betreiben, weil beiden Seiten bewusst ist, dass, wenn bestimmte Schlüsselworte fallen, der andere erst recht explodiert. Beide geben ihr Bestes, und gerade dieses betonte Bemühtsein hinterlässt beim anderen dann umso mehr den Eindruck von unüberwindbarer Distanz. Im Ergebnis zeitigt der Abend dann eine Mischung aus Frustration, Verkrampfung und einer latenten Furcht vor dem nächsten „Paarabend“ in der folgenden Woche.

Aggression und Sport. Zu hoffen, dass man über Turnübungen seine Beziehung wieder in den Griff bekommt, ist genauso illusorisch, weil man Aggression gegenüber dem Partner nicht einfach wegtrainieren kann. Sie verschwindet dadurch ja nicht. Und dem anderen Wünsche zu erfüllen, wenn man ihn eigentlich gerade mit bloßen Händen erwürgen könnte, funktioniert auch nicht wirklich. Tipps und Ratschläge, so gut sie auch gemeint sein mögen, sind meiner Meinung nach die Folge von purer Hybris eines Therapeuten, der zu wissen glaubt, wie anderer Leuts Beziehungen besser funktionieren.

Wer auf einen Therapeuten hofft, der durch sein Wirken die eigenen Probleme in der Partnerschaft löst, gibt die Verantwortung ab. Ebenso bleibt die Hoffnung, dass der Therapeut im Partner das dringende Bedürfnis auslösen kann, sich zu ändern, nichts weiter als Hoffnung. Kein Mensch kann einen anderen ändern. Genauso wenig lässt sich Verantwortung delegieren. In „Ver-antwortung“ steckt die Notwendigkeit, Antwort zu geben – seine eigene Antwort auf eine bestimmte Frage zu finden. Zwangsläufig muss man Verantwortung SELBST übernehmen, wenn man, statt sich den Antworten der Anderen, bzw. des Partners zu unterwerfen, selbstbestimmt leben will. Eigene Antworten geben zu wollen, ist eine bewusste Entscheidung. Bewusstheit über die Dinge erfordert jedoch auch die Überprüfung eigener Denkstrukturen und die Bereitschaft, eigene Standpunkte, Sichtweisen und Bewertungen bei Bedarf zu verändern. Meine Aufgabe sehe ich darin, Menschen einen Standpunkt zu eröffnen, von dem aus es Ihnen gelingt, die Verantwortung für sich selbst zu über- und neue Standpunkte einzunehmen.

Neue Standpunkte, Sichtweisen und Bewertungen – der griechische Philosoph Epiktet erkannte vor knapp 2.000 Jahren: „Es sind nicht die Dinge selbst, die uns zu schaffen machen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen“. Was denken Sie eigentlich über sich selbst – über Männer, über Frauen, über Beziehung, über das Leben, über Glück usw.? Sind ihre Meinungen darüber wirklich so positiv, wie Sie in dieser Sekunde glauben? Oder wäre es lohnend, diese Frage mal etwas näher zu untersuchen?

Gehen wir einmal kurz davon aus, dass Epiktets These stimmte, dann gäbe es keine Dinge, die im eigentlichen Sinne „schlimm“ wären. „Schlimm“ würden sie erst durch den Menschen, der die Dinge negativ bewertet – durch das, was er über die Dinge denkt. Demzufolge wäre z. B. auch Ihre Beziehung an sich nicht das Problem, sondern das, was Sie über sich, über „Mann“, über „Frau“ oder über Partnerschaft denken. Zu Ende gedacht, wäre dann das, was Sie WIRKLICH über sich selbst, über Frau und Mann, über Beziehung, über Leben und Glück denken, an den Ergebnissen ablesbar, die Sie aktuell in Ihrem Leben haben. Ergebnisse sind die Qualität der Partnerschaft, die berufliche Situation, die materielle Fülle, der Grad Ihrer Gesundheit, Ihre Energie oder Ihr Antrieb.

Nehmen wir weiterhin kurz an, dass das eigenen Erleben wirklich nur von den Meinungen und Bewertungen abhängt, die man über die Dinge hat. Dann würde das bedeuten, dass auch die aktuelle Situation in Ihrem Leben nur die Folge eines bestimmten Denkens ist. Das hieße im Umkehrschluss, dass eine andere Art zu denken Ihre Realität verändern würde. Und weil nur schwer anzufechten ist, dass jeder Mensch – auch Sie – selbst für die eigenen Gedanken verantwortlich ist, wäre eine Veränderung Ihrer aktuellen Situation ohne weiteres möglich.

Spätestens jetzt funkt bei Ihnen mit Sicherheit ein gewaltiges ABER dazwischen: ABER es gibt Zwänge, ABER es gibt Umstände, ABER es gibt Notwendigkeiten, ABER es gibt den Chef oder die Vergangenheit – die Liste der Gründe, warum die These von Epiktet schlicht nicht stimmen KANN, ließe sich unendlich fortsetzen.

Nur – wenn man es sich genauer überlegt: die Übernahme von 100prozentiger Selbstverantwortung hat einen großen Vorteil. Nämlich den, dass man in jeder Sekunde das Steuer des eigenen Lebens fest in seinen Händen hält. Im selben Zuge gewinnt man auch die hundertprozentige Freiheit darüber, die eigene Realität jederzeit nach Belieben zu verändern. Dem ein oder anderen erscheint es vielleicht lohnend, sich darüber Gedanken zu machen, weiterhin an „guten Gründen“ festzuhalten – oder einen Schritt in Richtung Freiheit zu tun.

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