Mann = Aggression. Frau = Sanftmut.

Warum konnotieren Frauen Männer in der Regel mit Aggression, während Männer Frauen eher für sanftmütig halten? Schon darin liegt ein „Besser“ und „Schlechter“. Männer, die ihre „Aggressionen nicht im Griff haben“ sind tendenziell schlechter als die „guten, sanftmütigen und verständnisvollen“ Frauen. Und Frauen tun alles, um ihren Söhnen die Aggressionen schon beizeiten abzutrainieren. Etwa im Sandkasten, wenn Mütter in den Konflikt ihrer Dreijährigen um ein Schäufelchen mahnend dazwischen gehen und anschließend beim Gespräch über die grässliche Aggression der Männer Freundinnen werden.

Selbst Jesus hatte Aggressionen
Warum warf der immer sanftmütige, Feindesliebe predigende Jesus die Händler und Geldwechsler so unsanft aus dem Tempel? Weil ihn deren Respektlosigkeit gegenüber dem heiligen Ort des Gebets schlicht wütend gemacht hat – handeln und Geld wechseln gehört auf den Markt, und wer beten will, findet im Tempel dazu die nötige Ruhe. Punkt. Womit Jesus bewies: Sanftmut, Feindesliebe und Aggression schließen einander nicht aus. Womöglich gehört Aggression, wie Sanftmut, Mitmenschlichkeit, Ärger, Freude usw. einfach gleichberechtigt in den Fächer menschlicher Gefühle?!

Fast eine Stunde steht man schon in der Schlange. Da drängelt sich zehn Meter vor einem jemand geschickt rein. Geht man jetzt nach vorne und bringt ihm noch ein paar Zeitschriften vorbei, um die Wartezeit zu überbrücken oder haut ihm statt dessen eine rein? Was ist der natürliche, nachvollziehbare Impuls? Und alle, die sich jetzt für die erste Reaktion entscheiden, machen sich etwas vor. Natürlich ärgert man sich, natürlich ist man wütend, natürlich ist man aggressiv und würde den Betreffenden gerne umhauen. Wozu hält man dann Aggressionen für nicht statthaft, wenn man sie tief im Bauch doch fühlt? In diesem Zwiespalt stecken insbesondere katholische Priester. Alles körperliche, alles Fleischliche, alle menschlichen Leidenschaften werden unterdrückt zugunsten dem Wahren, Edlen, Geistigem und Höherem. Aber die einseitige Ausrichtung bringt die menschlichen Leidenschaften nicht zum Verschwinden – sie werden nur unterdrückt. Aber sie verschaffen sich immer ihr Recht – nur leider unkontrolliert oft auf dunklen, unbewussten Kanälen, wie die gehäuften Missbrauchsfälle rund um die Welt beweisen.

Aggression ist ein natürlicher Impuls
Unterdrückung führt nicht zum Verschwinden des unerwünschten Impulses. Abtrainierte Aggression bei Jungen führt nicht zu deren Auflösung. Bis spätestens zur Pubertät funktioniert die Unterdrückung, aber dann schlägt sie – zur großen Überraschung von Eltern, insbesondere der Mütter – erbarmungslos zurück. Plötzlich hyperaggressives Verhalten, Gewalt, Drogen und Alkohol – Mütter verstehen die Welt nicht mehr. Dabei ist es ganz einfach: Durch das permanente Sanktionieren der Aggression konnte der Umgang damit nie in adäquater Form erlernt und entwickelt werden. Es ist wie mit allem: Bevor jemand in der Bundesliga Fußball spielt, hat er den Umgang mit dem Ball über schon zwanzig Jahre eingeübt und mit seinen Mannschaftskollegen trainiert, Gewinner in der Abfahrt standen in der Regel schon als Dreijährige auf den Skiern und Wimbledon gewinnt man auch nicht schon im dritten Match. Genauso will der adäquate Umgang mit Aggression eingeübt werden. Und es wäre – nebenbei bemerkt – nicht adäquat, in der Schlange nach vorne zu stürmen und den Drängler kurzum niederzuschlagen.

Aggression wird gleichgesetzt mit Destruktion
Genau das passiert aber seit Jahrhunderten, fühlbar insbesondere mit dem aktuellen Führungspersonal der Welt: Trump, Putin, Johnson, Xi Jinping, Bolzonaro, Mohammed bin Salman al-Saud, Kim Jong Un undsoweiterundsofort. Trump beispielsweise stammt aus einem über alle Maßen autoritären Elternhaus, besuchte später die Militätakademie und lernte im Alter von 0 – 20 ausschließlich Drill, Demütigung, Siegen und Verlieren und genügte der Erwartung des Vaters, ein Killer zu sein. Ein natürliches Verhältnis zu sich, seinem Mannsein und seiner Aggression hatte in diesem Kontext keinen Raum und bliebt komplett unterentwickelt. Insofern ist sein sprunghaftes Verhalten, seine Rücksichtslosigkeit und sein Slogan „America first“ nur allzu erklärlich. Trump hat soziales Verhalten, Verhandlungen, Kompromisse eingehen, Empathie und vor allem eben den Umgang mit seinen Aggressionen nie gelernt. Wieso sollte er das dann können? Wobei das mitnichten eine Entschuldigung sein kann – die Lage ist auch im weltweiten Maßstab dramatisch.

Man fragt sich aber, warum ausgerechnet solche Männer an die Schalthebel der Macht kommen konnten? Antwort: Weil die Mehrheit der Menschheit in Trump´scher Manier aufgewachsen sind und erzogen wurden. Weil die meisten von uns den Umgang mit Aggression nicht gelernt haben und einen ganz natürlichen Impuls missverstanden haben, weil wir aus Aggression Destruktion gemacht haben. In diesem Zuge haben wir Aggression dem Mann zugeordnet (weil die Führer in allen Bereichen bislang fast ausnahmslos Männer waren), und das Gegenteil von „aggressiv“ der Frau. Aber das ist genauso ein Holzweg, denn auch Frauen haben Aggressionen. Aggression gehört untrennbar zu Menschen dazu.

Aggression ist die Kraft des Lebens
Aggression kommt aus dem Lateinischen „at gradi“, heran schreiten, sich nähern. Damit bezeichnet er also den Impuls nach vorn-, heranzugehen, sich zu nähern. Aggression ist jenseits der Bewertung von positiv und negativ einfach ganz neutral die Fähigkeit, sich auseinanderzusetzen. Aggression ist eine Kraft – Lebenskraft. Die Kraft, die Vision von sich selbst ins Leben zu bringen. Aggression ist die positive Kraft, die „Ja“ zum Leben sagt. Ob die Auswirkung von Aggression aber konstruktiv oder destruktiv wirkt, hängt einzig von der eigenen Bewertung ihr gegenüber ab. Entweder bejaht man sie als einen zutiefst menschlichen Impuls oder man sieht sie als etwas Bedrohliches, vor dem man Angst hat. Herrscht eine kollektive Angst vor Aggression wird sie sich irgendwann entladen – wie man an den vielen Kriegsschauplätzen auf der Welt sieht.

zurück zum Paartherapie-Glossar