Genetische Faktoren

Die Wissenschaft und die Schulmedizin sprechen von psychischen „Erkrankungen“ und das dafür die Gene eine erhebliche Rolle spielen. Gibt es „Depressionsgene“? Wissenschaft und Schulmedizin sagen ja. Ich stelle nur folgende Frage: Von wem lernt jeder Mensch wie „Mann“ und wie „Frau“ ist, wie Beziehung funktioniert, worin Glück liegt, wie Leben funktioniert oder wie Konflikte gelöst werden. Natürlich von den Eltern oder von gleichwertigen Ersatzpersonen.

Fast unvorstellbar, aber Kinder sind ca. ab dem sechsten Lebensjahr alleine überlebensfähig, vorher sind sie von wem auch immer abhängig – in aller Regel von den Eltern, die sie beschützen, kleiden und versorgen. Die Spanne zwischen Null und Sechs ist also die prägendste Phase im Leben eines Menschen. Je nach dem, was es in den ersten sechs Jahren vorgelebt bekommt, konstruiert sich ein Kind das eigene Ich, das Verständnis von „Mann“ und „Frau“, von Glück, Leben und Konfliktbewältigung – es konstruiert das, wie es fortan „Welt“ erleben wird. Allerdings: es ist NUR eine subjektive Sicht, gefüttert durch das, was die Eltern vorgelebt haben und was das Kind von ihnen gelernt hat. Hat das Kind Konfliktbewältigung in Form von Flucht gelernt, kann es als EINE Möglichkeit die Flucht in Depression daraus gemacht haben – oder die Flucht in Aggression oder die Flucht in Alkohol oder die Flucht in eine chronische Krankheit.

Ich halte Depression für keine „Erkrankung“, die genetisch entstanden ist sondern – allenfalls eine Abweichung von der Normalität – für eine Folge von Gelerntem. Nur mal weitergedacht: Wäre irgendeine Abweichung von der Normalität in unserem Sinne „krank“ oder unrichtig, ist der Impuls weit verbreitet, das „Kranke“ sofort gesund, das Unrichtige sofort richtig zu machen. In der Sekunde entsteht eine Bewertung in höher- und minderwertig – im Extrem das faschistische Grundkonzept. Es ist ein fatales Missverständnis, weil jeder Mensch, ob behindert, psychotisch oder depressiv bei seiner Ankunft diese Welt bereits „vollkommen“ betreten hat. Jede Einteilung in höher- oder minderwertig ist menschlich, ist menschliche Hybris und ein Angriff gegen einen – nennen wir das Unsagbare der Einfachheit halber – „göttlichen“ Plan.

Der hybride Mensch erhebt sich, schafft damit ein Oben und Unten – auf der eine Seite u .a. Mitleid, Bedauern und ein Gefühl der Überlegenheit, auf der anderen Seite Angst, Minderwertigkeitsgefühle, Streben nach Unmöglichen, unerfüllte Wünsche usw.. Was ist das für ein Konzept, in dem das Schicksal darüber entscheidet, wer 100 Prozent ok, wer 50 Prozent ok ist, wer potenziell glücklicher, wer per se GAR nicht glücklich sein kann und wer kämpfen muss. Unlängst sagte die kleinwüchsige Schauspielerin ChrisTine Urspruch, Menschen bewunderten sie dafür, dass sie trotz ihrer Kleinwüchsigkeit eine Karriere, wechselnde Partner und – ja sogar ein Kind habe. Nett gemeint, aber im höchsten Maß diskriminierend. Denn unabhängig wie groß oder klein jemand ist, ob er optisch gefällt oder missfällt, ob er blonde Haare hat oder gar keine, unabhängig davon ob er heiter oder depressiv ist, Alkoholiker oder Veganer – jeder Mensch hat den gleichen Wert und das gleiche Recht, sein Leben zu leben wie er möchte. Glück ist keine Folge von äußeren Umständen sondern eine bewusste Entscheidung.

Die einzig relevante Frage für mich ist, ob jemand mit dem Status quo seines Lebens glücklich ist oder nicht. Ist er es nicht, kann ich als Therapeut ihm bewusst machen, welchen Meinungen, Bewertungen, Überzeugungen, Sichtweisen etc. er folgt, die er als Kind – unbewusst – von seinen Eltern übernommen hat. Es bleibt dem Klienten überlassen, zu entscheiden, ob das einstmals Gelernte heute noch zu seinem Leben passt oder er bestimmte Bewertungen von sich selbst, von Mann, von Frau, von Leben, Beziehung oder Glück revidieren und in eine, seiner aktuellen Lebensphase angemessenere Form, wandeln möchte.

Depression ist meines Erachtens also keine Erkrankung, die es gilt, gesund zu machen, um wieder den Normalzustand zu erreichen. Sondern Depression ist eine unter x Lebensformen, wo eine so gut und so richtig ist wie die andere – die man aber relativ einfach beenden und sich neu entscheiden kann – sofern man das möchte.

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