Generalisierte Angststörung

Ängste, Angstattacken, Panik – ganz egal ob vor Spinnen, vor engen Räumen oder Menschenansammlungen – das Objekt, auf das die Angst projiziert wird, ist beliebig, gibt allerhöchstens Aufschluss darüber, in welchem Bereich das „Unterdrückte“, das ins Unbewusste Abgeschobene, das „Nicht-willkommen-Geheißene“ zu suchen ist.

Angst oder Panik sind Zustände, in denen das „normale“ Leben empfindlich gestört wird. Zu den psychischen Symptomen zählen etwa ständige Anspannung, Besorgtheit oder die Befürchtung verrückt zu werden bzw. zu sterben. Körperliche Symptome sind Herzklopfen, Schweißausbrüche, Kribbeln im Magen, Schwindel, Hitzegefühl, Kälteschauer, Muskelverspannungen oder Einschlafstörungen. Alles wie gesagt: SYMPTOME.

Irrweg Symptome „bekämpfen“

Der gängige Weg, der Angst zu begegnen, besteht im „Symptome bekämpfen“. Menschen mit Höhenangst werden auf immer höhere Häuser geführt, um sie sukzessive an Höhe zu gewöhnen und die Schweißausbrüche zu minimieren. Menschen mit Klaustrophobie fahren in Begleitung des Therapeuten im Aufzug mit Erfolg in den 20. Stock. Das funktioniert auch … bis die Angst drei Wochen später im engen Treppenhaus eines Parkhauses wieder zuschlägt. Denn mit der Behandlung des Symptoms bringt man nicht die „Ur-sache“ für dessen Auftreten zum Verschwinden. Bei einem Patienten, der Pocken hat und von Pusteln übersät ist, macht es keinen Sinn die Pusteln – an der sichtbaren Oberfläche – wegzukratzen und zu hoffen, dass damit die Pocken besiegt sind. Die Wurzel der Krankheit liegt auf einer nicht-sichtbaren Ebene und ist auch nur dort zu lösen. Anhand von Art, Farbe und Beschaffenheit der Hautveränderungen auf der sichtbaren Ebene lässt sich lediglich die Diagnose über ein tieferes, nichtsichtbares Geschehen – nämlich „Pocken“ – stellen.

Das Thema heißt „Kontrolle“

Sinnvoller, als zu lernen die Situation oder das Objekt auszuhalten, vor denen man Angst hat, ist die Frage nach dem Zustand, in die einen die Angst versetzt. Der Zustand während einer Panik oder Angstattacken ist immer „Ohnmacht“ – das Gefühl ohne Macht zu sein, die Dinge im eigenen Sinne zu steuern. Das kann die Körperfunktionen mit einschließen – Gehapparat, Darm, Bewusstsein usw.. Es ist das Gefühl des absoluten Kontrollverlustes. Also ist beispielsweise nicht die Spinne, sondern „Kontrolle“ das Thema – das Tier ist lediglich der Auslöser für den Verlust von Kontrolle. Fragt man dann weiter, wozu jemand die Kontrolle über den Lauf der Dinge nicht abgeben will und fragt, was das Schlimmste sei, das passieren könnte, wenn man keine Kontrolle mehr habe, steht immer die Verletzung der eigenen Person im Raum. Die Angst vor der eigenen Verletzung wird auf eine Spinne, einen Aufzug oder eine x-beliebige Situation projiziert. Das Objekt der Projektion gibt wie gesagt nur Aufschluss darüber, in welchem Bereich die Angst vor der Verletzung ihren Ursprung hat – Sexualität, Konflikt, Gewalt, eigene Bedürfnisse usw..

Angstattacken und Panik – Kontrollverlust – Angst vor Verletzung – eine Verknüpfung, die immer einher geht mit geringem Selbstwertgefühl. Was jemand mit geringem Selbstwert anderen nicht entgegen bringt, sodass er immerwährend Angst vor Verletzung hat, ist: Vertrauen. Was sich in Angstattacken oder Panik also zeigt, ist oft genug ein gut getarnter Mangel an Vertrauen in sich, in andere, in Welt oder ins Leben.

Grenzen der Verhaltenstherapie

Was hier nur sehr skizzenhaft in aller Kürze entwickelt wurde, bringt in meinen Augen die Schwäche der Verhaltenstherapie ans Licht. Denn ob Ängste, Depression, Mobbing oder was auch immer – die Verhaltenstherapie konzentriert sich immer nur auf die Symptome und um sie in den Griff zu bekommen, gezielt zu umschiffen, zu vermeiden, zu kompensieren o. ä.. Meiner Ansicht nach ist das Vorgehen der Verhaltenstherapie genau so sinnvoll, wie einem Nichtschwimmer beim Ertrinken zuzurufen, er solle doch einfach schwimmen. Das Ergebnis ist aber eine wilde Strampelei, an deren Ende der Betreffende doch untergeht. Zu schwimmen lernt man nicht in fünf Minuten … und man braucht geduldige Anleitung eines Begleiters, der die Zusammenhänge zwischen dem Element Wasser, bestimmten Bewegungsabläufen und Auftrieb kennt. Analog dazu sehe ich die Aufgabe als Psychotherapeut – altgriech. desjenigen, der „die Seele heilt“. Nicht desjenigen, der mithilfe von Tricks Symptome wegzaubert. Es liegt wohl im Trend der Zeit, dass man auch für ein ernsthaftes und zutiefst menschliches Phänomen „Angst“, eher eine – vermeintlich – schnelle Lösung favorisiert, die das Phänomen „wegmachen“ soll, als sich ebenso ernsthaft wie bewusst mit diesem auseinanderzusetzen. Angst oder Panik sind Zustände, die das „normale“ Leben empfindlich stören. Was stört sind nicht – auf der vordergründigen Ebene – die Spinnen, Aufzüge und Menschenansammlungen sondern ein ungeklärtes Verhältnis zu sich selber, zu anderen, zu Welt, zu Konflikt oder oder oder.

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