Freiheit und Verantwortung

Wir alle wollen Freiheit! Nichts darf sie beschränken. Wobei wir, ganz nebenbei, in einem Land leben, in dem alles bis ins Kleinste inklusive der totbemühten EU-Banane normiert, reglementiert, revidiert und wieder, noch detaillierter, reglementiert ist. Wir brauchen nur an den Verkehr oder die Steuer denken. Auf der einen Seite rufen wir nach Freiheit, auf der anderen Seite soll diese Freiheit aber genaue Vorschriften haben, wie sie zu funktionieren hat. In dem Moment ist die Freiheit aber nicht mehr frei, sondern gelenkt. Das ist ein Widerspruch.

Freiheit gibt es nicht umsonst

Freiheit ja, aber gleichzeitig wird versucht, die Verantwortung im Falle, dass etwas passiert, „wegzureglementieren“. In der aktuellen Klimakrise wollen nach wie vor alle die Freiheit des Fliegens, des Kreuzfahrens und des eigenen Autos, aber keiner will Verantwortung für die Folgen übernehmen. Jeder hat gute Argumente dafür, warum nicht er sondern erstmal die anderen anfangen müssten, verantwortlich zu handeln. Die einen streiten ab, dass es den Klimawandel überhaupt gibt und negieren alle Verantwortung, andere bauen auf den technischen Fortschritt, der einem die Verantwortung abnehmen würde etwas zu tun und wieder andere sagen, es sei doch nichts geholfen, wenn Deutschland einen Alleingang machte und übertragen die Verantwortung damit – schwupps – der Weltgemeinschaft. Die einzigen, denen gedämmert ist, dass dieser Verschiebebahnhof der Verantwortung die aktuelle Situation jeden Tag verschlimmert, sind die Millionen Minderjährigen an den „Fridays for Future“.

Jeder will Freiheit. Aber keiner will die Verantwortung, die an die Freiheit untrennbar gekoppelt ist. Und das ist der zentrale Punkt: Alles auf dieser Welt hat zwei Seiten. Wie tief verankert diese Scheu ist, Verantwortung zu übernehmen, wurde mir unlängst bewusst, als ich mich in einer Gruppe von sechs Therapeuten wiederfand und wir darüber diskutierten, warum wir uns überhaupt treffen, was das Ziel unserer Zusammenkünfte sein soll, wie oft man sich trifft, jeweils wie lang, ob man diese Treffen nach einem bestimmten Ablauf gestaltet usw. usw.. Allein die Frage, wer das Wort erteilt, oder ob ein Führer bestimmt werden sollte, brauchte ein hohes Maß an Zeit. Es gab eine Stimme, die äußerte, man müsse jetzt mal zum Punkt kommen und Dinge vereinbaren. Daraufhin meldete sich eine andere Stimme, die fragte, ob sich der Vorredner jetzt zum Chef der Gruppe aufschwänge? Das Spannende fand ich, dass sich sechs Leute ohne konkretes, verbindendes Ziel, ohne Primus inter Pares zusammengefunden hatten, die offensichtlich große Mühe hatten, mit der totalen Freiheit, die sich ihnen bot, umzugehen. Einer der sechs schrieb am nächsten Tag dann auch eine Mail, dass er zu einem folgenden Treffen nicht mehr käme. Da waren´s nur noch fünf.

Auch Freiheit hat Konsequenzen

Jeder „will“ – Kreuzfahren, fliegen, E-Scooter fahren, Frieden, Glück, Erfolg, Demokratie oder was auch immer. Nur die Verantwortung für unbeschränkte Mobilität will keiner übernehmen; nur die Verantwortung für die Herstellung von Frieden, der z. B. zehntausende Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie kosten würde, wollen die meisten nicht übernehmen; nur die Verantwortung für die Demokratie wollen Politiker quer durch alle Parteien nicht übernehmen, die über die andere Seite schlecht reden und sie diffamieren. Wir alle wollen das Gute, wollen aber den Preis dafür nicht bezahlen – und gerade auch das Gute hat, wie alles andere auch, seinen Preis. Wobei „Preis“ wertend klingt, sagen wir neutraler: Konsequenzen. Wir alle – oder fast alle – drücken uns um die Konsequenzen unseres Handelns.

Natürlich wollen alle eine glückliche, harmonische Beziehung – aber Glück und Harmonie fallen nicht einfach vom Himmel. Sobald es aber um die eigene Verantwortung für das Herstellen der Harmonie geht, möchte man sie plötzlich gar nicht mehr so gern übernehmen. Unter andere deshalb, weil das z. B. auf Kosten der eigenen – empfunden – Freiheit und Selbstbestimmung ginge: Die meistens „männliche Freiheit“ auf Sex mit anderen Frauen oder die meistens „weibliche Freiheit“, ihre Unabhängigkeit, etwa durch einen gut dotierten Job, nicht aufzugeben. Beide wollen irgendwann Familie, aber die Voraussetzungen für Glück und Harmonie sind eher ungünstig, wenn ER heimlich außerehelich die Augen offen hält und SIE ihre Karriere nicht unterbrechen will. Beide wollen Kinder, aber gleichzeitig auf ihr eigenes Leben nicht verzichten. Und das passt einfach nicht zusammen. Denn die Entscheidung FÜR Kinder beinhaltet im selben Moment die Entscheidung GEGEN sexuelle Freizügigkeit oder berufliche Selbstverwirklichung. Wenn das nicht bewusst ist, wird es auf die Dauer schwer für alle Beteiligten – für Eltern wie Kinder.

Untrennbarer Teil der Freiheit ist die Verantwortung für den nächstgrößeren Kontext – ob er wie in diesem Beispiel „Kinder“ heißt – Gesellschaft, Natur, Welt oder wie auch immer.