Ehekrise

Beziehungsalltag: manchmal nach Monaten, meistens nach Jahren – irgendwann leidet die Partnerschaft. Schleichend vollzieht sich ein Prozess der Entfremdung, man teilt zwar noch Haus und Bett, der Sex ist aber schon vor langer Zeit eingeschlafen. Man konzentriert sich auf seine Funktion als Mutter oder Vater, hat die als Partner oder Partnerin aber schon längst aufgegeben. Ein diffuses Unbehagen auf beiden Seiten provoziert immer wieder Enttäuschungen, Schuld- und Fehlerzuweisungen – in ruhigeren Momenten auch durchaus immer mal wieder den Vorsatz, an der Beziehung zu „arbeiten“, was dann aber regelmäßig erst recht zur Eskalation führt.

Wem es gelingt die Aufmerksamkeit – statt mit dem Finger immer auf den anderen zu zeigen – auf sich selbst und den eigenen Anteil zu richten, der schafft die Voraussetzung für echte Veränderung und damit die Möglichkeit emotionaler Wiederannäherung. Und am Konflikt tragen beide Beteiligten immer exakt 50 Prozent – auch wenn ich genau weiß, dass sich bei dieser Aussage den meisten Menschen die Nackenhaare aufstellen. Darin liegt die erste Aufgabe einer Paartherapie: Schuldzuweisungen aufzugeben und Menschen den Weg in die Selbstverantwortung zu eröffnen.

Denn nur wer zu 100 Prozent seine Selbstverantwortung übernimmt, gewinnt die Unabhängigkeit vom anderen und bekommt damit die Kontrolle über das eigene Leben wieder in die Hände. Erst dieser Zustand ermöglicht es, im wörtlichen Sinne echte „Partner–schaft“ zu leben. Dadurch, dass ich nichts mehr vom anderen brauche und nichts mehr von ihm erwarte, braucht er auch nichts mehr zu erfüllen und sich nicht mehr zu verändern. Dann ist er plötzlich perfekt, so wie er ist. Ab diesem Moment mutieren Erwartungen und Forderungen zu Wünschen und Anregungen. Ab diesem Moment ist eine ganz neue Qualität die Grundlage für die Beziehung: Freiheit.

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