Aggression

Warum wird Aggression eigentlich fast ausschließlich mit Destruktion konnotiert? Warum wird sie nahezu immer negativ belegt? Warum erachten die meisten Menschen Harmonie, Sanftmut und Verständnis soviel wertvoller als die Aggression? Ja, warum eigentlich? Eine geschlagene Stunde steht man schon in der Schlange und beobachtet, wie sich vorne jemand geschickt reindrängelt. Sind in dieser Situation Verständnis und Sanftmut die entscheidenden Impulse, die natürlicherweise in einem aufsteigen? Natürlich nicht – am liebsten würde man in dem Moment nach vorne gehen und dem Betreffenden eine reinhauen. Oh mein Gott, denken viele Mütter, so primitiv darf mein Kind – vor allem die Söhne – nie werden. Also gehen Sie jedes Mal energisch dazwischen, sobald ihr Dreijähriger einem anderen Dreijährigen das Schäufelchen wegnimmt. Konsequent wird Kindern – vor allem den Söhnen – auf diese Weise jeder aggressive Impuls abtrainiert. So bleiben sie brav. Bis zur Pubertät, wo sie sich plötzlich zu unbekannten Wesen entwickeln, die sich betrinken, Drogen nehmen, ihren Mitmenschen rücksichtslos begegnen und wenn´s sein muss auch mal zuschlagen. Plötzlich brechen sich Aggressionen Bahn, die nicht mehr kontrolliert sind – entweder sich selbst gegenüber oder in Bezug auf andere. Warum? Weil der Umgang mit einem zutiefst menschlichen Impuls nicht gelernt wurde, weil Aggression als typisch „männliche“ Eigenschaft – meistens von den Müttern ¬– negativ konnotiert und unterdrückt wurde.

Aus unterdrückter Aggression wird Destruktion

Aggression gehört zum Menschen wie seine Gefühle, z. B. Trauer, Freude, Angst, Neid, Ekel oder Scham. In Aggression steckt lat. „at gradi“, heran schreiten, sich nähern, bezeichnet also den Impuls nach vorn-, heranzugehen, sich zu nähern. Aggression ist weder positiv noch negativ sondern wertfrei die Fähigkeit, sich auseinanderzusetzen. Aggression ist die Kraft, sich zu verwirklichen – seine Vorstellungen von sich „wirklich zu machen“. Selbstverständlich verfügen auch Frauen über Aggression, allerdings wird sie auf einer Skala eher dem männlichen Prinzip zugeordnet. Umso wichtiger gerade für Knaben, sich bereits früh mit dieser Qualität vertraut zu machen und den Umgang mit ihr zu lernen. Demgegenüber erinnere ich mich in meinem Umfeld an die Mutter, die den Vater jedes Mal, wenn er mit seinem kleinen Sohn raufte, scharf ermahnte, das Kind doch bitte nicht so aufzuputschen und vorsichtig zu sein. Jedes Mal, zu dem sich der Sohn seinem eigenen Geschlecht – dem „Mannsein“ at gredi = näherte, wurde das sanktioniert, bzw. negativ bewertet. Diese Negativbewertung seiner eigenen Männlichkeit durch die Mutter führt, nebenbei bemerkt, spätestens in der Pubertät zu enormen Konflikte zwischen ihm und ihr – genau zu dem Zeitpunkt, wenn der Knabe zum Mann reift und geschlechtsreif wird. Das ist der Zeitpunkt, an dem er seine eigene Männlichkeit im Interesse des Männerbildes der Mutter nicht mehr unterdrücken kann. Im Zwiespalt der unterdrückten Aggressionen aus Mutterliebe einerseits und dem ans eigene Mannsein gekoppelte aggressiven Aspekt andererseits, entlädt sich die Aggression nun unkontrolliert und richtet sich gegen die Eltern, namentlich die Mutter.

Aggression ist eine Kraft

Jesus predigt, dass man seine Feinde lieben soll – predigt Liebe, Vergebung und Gewaltfreiheit. Für viele Gläubige ist unverständlich, dass eben dieser sanfte Jesus die Händler und Geldwechsler so unsanft aus dem Tempel beförderte. Jedoch richtete sich seine Aggression nicht GEGEN die „bösen“ Händler und Geldwechsler sondern bezeichnete in diesem Moment Aggression seine Kraft FÜR die Überzeugung einzustehen, dass der Tempel zur geistigen Entwicklung und nicht zu weltlichen Abwicklungen dient. Aggression ist nichts anderes als die männliche Kraft sich eigenen Vorstellungen „anzunähern“ und sie durchzusetzen. Die meisten, vor allem Frauen, halten Aggression für etwas Negatives, bei dem es um Macht geht und darum, andere zu unterdrücken. In Wahrheit ist Aggression etwas, was vom Menschsein nicht zu trennen ist, eine positive Kraft, in der sich das „Ja“ zum Leben ausdrückt. Ob Aggression sich aber konstruktiv oder destruktiv auswirkt, hängt von der eigenen Bewertung ihr gegenüber ab – ob man sie als Kraft willkommen heißt oder sie aus Angst vor Sanktionierung unterdrückt. Unterdrückung bringt sie allerdings nicht zum Verschwinden sondern sorgt dafür, dass sie auf dunklen Kanälen ihr Recht sucht, sich zu zeigen. Aggression führt ihr Dasein überwiegend im Dunkeln – im Unbewussten – was auf der bewussten Ebene ganz oft zu grauenhaften Ergebnissen führt. Unterdrückte Aggression führt zu Krieg – im Makrokosmos zwischen Völkern wie auch im Mikrokosmos z. B. zwischen Partnern.

Aggression ist weder gut noch schlecht

Jede Einseitigkeit, jede Unterdrückung der anderen Seite führt ins Chaos. Die katholische Kirche fordert seit ehedem von ihren Priestern ein Leben in Keuscheit, in Hinwendung allein zum gütigen Gott, im Sinne seines menschgewordenen Sohnes, der seinen Feinden vergibt, der die Kranken heilt und sein Leben hergibt für die sündige Menschheit. Es ist bemerkenswert, dass vor dem Hintergrund der Einseitigkeit gerade in der katholischen Kirche sich die Aggression von den Kreuzzügen bis zu den Missbrauchsskandalen heutiger Zeit immer wieder ihre Bahn bricht. Gleich ob katholische Kirche, Islam oder Hinduismus – kirchlich geprägte kulturelle Systeme teilen die Welt immer in Gut und Böse, in Hell und Dunkel, in Oben und Unten. Dabei ist Gut immer besser als Böse, Hell immer besser als Dunkel, und Oben immer besser als Unten – immer wird einer Qualität der Vorrang gegeben. Schaut man in der Welt umher, wäre es eventuell allerhöchste Zeit, sich von dieser Weltauffassung zu verabschieden, die nicht funktioniert und noch zu keiner Zeit funktioniert hat. Eventuell ist es allerhöchste Zeit aufzuhören, dem Menschsein zugehörige Impulse wie Aggression, Sexualität oder Wut zu unterdrücken – sondern als gleich-wertig zu anzuerkennen.

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