Eheberatung Hamburg

Das Leben ohne Schuld

Was, wenn es keine Schuld gäbe, wenn es nie Schuld gegeben hätte und es Schuld auch nie geben würde? Was, wenn Schuld einfach ein von Menschen erdachtes Konzept wäre? Was, wenn man eigenes Nichthandeln, eigene Unzulänglichkeit, eigene Fehler oder eigenes Unglück auf niemanden mehr abwälzen könnte und durch nichts und niemand ent-schuld-igen könnte, weil Schuld nicht existiert. Was müsste jeder einzelne Mensch, was müssten wir alle in einer Welt ohne Schuld übernehmen?

Verantwortung.

Perfekte Systeme

Wer sich vergegenwärtigt, wie perfekt allein der menschliche Körper funktioniert, wie perfekt in der Natur alles ineinandergreift, allein dass Menschen Kohlenstoff ausatmen, den die Bäume wieder aufnehmen – wie perfekt in einem Ameisenhaufen oder Bienenstock zusammengearbeitet wird oder wie perfekt unser Sonnensystem organisiert ist, dem fällt es schwer, an die Schuld zu glauben, die in einem perfekten Universum dasjenige wäre, was die Perfektion zerstört. Denn die Grundeigenschaft der Schuld ist, dass sie spaltet – spaltet in oben und unten, Sieger und Verlierer, Opfer und Täter, in besser und schlechter. Im menschlichen Körper ist die Lunge aber nicht besser als die Niere oder die Lunge schlechter als das Herz. In der Natur ist der Tag nicht besser als die Nacht und Regen nicht schlechter als Sonne. In unserem Sonnensystem ist die Erde nicht besser als der Mond und der Mond nicht schlechter als die Sonne. Ein jedes hat seine Funktion und ohne seinen Beitrag würde das Gesamtsystem nicht mehr funktionieren. Aus Sicht vieler Menschen ist aber die weiße Rasse besser als die schwarze, sind Republikaner besser als Demokraten, ist Altruismus besser als Egoismus, ist das Christentum besser als der Islam oder der Islam besser als das Christentum und so weiter.

Der Mensch – die Krone der Schöpfung?

Perfekt ist lateinisch und heißt vollendet. Vierzehn Milliarden Jahre hat dieser Planet gebraucht, um das Leben auszubilden, dessen Teil auch der Mensch heute ist. Das Missverständnis liegt darin, dass der Mensch glaubt, er sei die Krone der Schöpfung und meint, die ganze Erdgeschichte sei auf die Herausbildung der menschlichen Spezies ausgerichtet gewesen – in Wahrheit aber war der Planet vor vierzehn Milliarden Jahren schon genauso vollendet, wie vor acht Milliarden, vor 500 Millionen oder vor 100 Jahren. Klar, war er zu jedem Zeitpunkt anders als heute – aber stellt man sich die Erde als Bühne vor, so diente sie in jeder ihrer Epochen als ein und derselbe Hintergrund für die unterschiedlichsten Theaterstücke. Der Irrtum liegt im Glauben an eine zielgerichtete Entwicklung von primitiven, niedrigen Lebensformen hin zu hochentwickeltem, bewusstem Leben. Die Hybris des Menschen besteht darin, zu glauben, dass er das, was sich in vierzehn Milliarden Jahren vermeintlich auf ihn hin entwickelt hat, jetzt nur zu übernehmen braucht, um endlich eine Welt daraus zu formen, die s e i n e n Vorstellungen von Perfektion entspricht. Was er dabei übersieht, ist, dass er sich in diesem Glauben über die Natur stellt – eine Natur, von der er in Wahrheit nur ein winziger Bestandteil und abhängig ist. Es ist die grundsätzliche Angewohnheit des Menschen, sich über sein Gegenüber zu stellen – gleich ob es Welt heißt oder ein Mensch ist, der eine anderer Ethnie, schwarze Hautfarbe oder eine unterschiedliche Meinung hat.

Schuld ist ein vom Menschen erdachtes Konzept

Der, über den er sich stellt, will sich aber nicht erniedrigen lassen und versucht nun seinerseits, sich eine übergeordnete Position zu erkämpfen. In diesem Kampf bezichtigt wechselseitig der eine den anderen der Schuld, dass er ihn nicht sein volles Potenzial leben lasse und ihn klein mache. Dieses Sich-über-den-anderen-stellen und ihm Schuld zuweisen bringt im Kampf zwischen Menschen schon seit tausenden von Jahren nur Krieg und Zerstörung und funktioniert in der Absicht, die Natur zu unterwerfen erst recht nicht. Denn in der Natur gibt es nur Konsequenzen, sie kennt das Schuldkonzept überhaupt nicht. Kein Löwe wird schuldig, wenn er die Antilope frisst und kein Meer wird schuldig, wenn es das Land überflutet. Folglich ist Schuld nicht etwas, was mit der Erschaffung der Welt gleich miterschaffen wurde, sondern muss etwas sein, was der Mensch sich selbst ausgedacht hat. Ist ihm über die Jahrtausende das Bewusstsein für die Perfektion der Natur schlicht abhandengekommen und hat er deshalb irgendwann angefangen, Begriffe wie Schuld, Sünde, Hölle oder Teufel in seine Erfahrung hineinzukonstruieren? Aber viel wichtiger als diese Frage ist doch: wie steuern wir angesichts des katastrophalen Zustandes dieser Welt als Menschheit um? Wie steigen wir aus einem System aus, das den Planeten schon ziemlich vor die Wand gefahren hat? An was richten wir ein Verhalten aus, das für uns alle besser funktioniert?

Das Gefühl der Machtlosigkeit

Diesen beiden Fragen gehe ich anhand meiner Erkenntnisse in meiner täglichen Arbeit als Psycho- und Paartherapeut nach. Dieses Buch ist wohlgemerkt kein Beziehungsratgeber, nur ist die Paarbeziehung der kleinste Maßstab an menschlicher Beziehung – insofern lassen sich die großen gesellschaftlichen Probleme auf globaler Ebene anschaulich und nachvollziehbar anhand der Beziehung zwischen zwei Menschen wie unter einem Brennglas beleuchten. Frage ich Paare nach ihrem Gefühl im Moment, wenn der Streit eskaliert, bekomme ich zunächst immer Antworten wie: „Ich fühle mich nicht gesehen“, „Ich fühle mich untergebuttert“, „Ich fühle mich bevormundet“, „Ich fühle mich wie der letzte Dreck“ und immer ist es: „Ich bin wütend“. Worüber sind Sie wütend, frage ich weiter. „Ich bin wütend darüber, dass ich schon 1000-mal gesagt habe, was mich stört – sich aber nichts ändert“. Und wie heißt das Gefühl, wenn man, gefangen im Status Quo, die Situation nicht ändern kann? Die Antwort ist immer die gleiche: „Machtlosigkeit“. Nun entwickelt aber jeder Mensch nach langen Phasen von Kindheit und Jugend, in denen er sich immer mehr in Autonomie übt, als Erwachsener schließlich volle Handlungs- und Entscheidungsfreiheit. Der Verstand, der sich über einen langen Zeitraum an volle Handlungs- und Entscheidungsfreiheit gewöhnt hat, fühlt sich durch das Gefühl von Machtlosigkeit massiv bedroht und rebelliert: Wenn ich selbst machtlos bist und an der Situation nichts ändern kannst, dann m u s s logischerweise ein Außen dafür verantwortlich sein.

Der Beginn der Projektionen

Jetzt fängt der Mensch an, seine gestörte Selbstbestimmtheit als Schuld zu projizieren und macht etwas außerhalb von sich Liegendes verantwortlich für seine Machtlosigkeit: den Partner, die Eltern, die Gesellschaft, die Kirche, die Umstände, die Krankheit, den Chef, die Kollegen oder was auch immer gerade als Projektionsfläche plausibel erscheint. Auf wen man die Schuld auch gerade projiziert – der will die Schuld nicht und weist sie wieder zurück. Das Pingpong des Schuld-Hin-und-her-Projezierens beginnt, denn keiner will schuld sein und projeziert die Schuld wieder zurück oder weiter. Doch dieses Spiel ist niemals zu gewinnen. Im Kontext von Schuld ist weder eine Lösung noch eine Veränderung möglich. Niemals! Alles bleibt, wie es ist. Denn was niemand in diesem Spiel übernehmen möchte, ist Verantwortung. Ganz gleich, ob meine Klienten wegen Partnerschaftsproblemen, wegen Mobbing, Depression, Lebensunlust, Krankheit oder sonstiger Krisen kommen – ausnahmslos a l l e Probleme zwischen Menschen entstehen aus dem Gefühl der Machtlosigkeit. Machtlosigkeit führt zur Projektion von Schuld – ob auf privater oder beruflicher Ebene, ob im individuellen oder institutionellen, oder im nationalen oder internationalen Kontext.

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