Sie befinden sich hier

Ein Blog Artikel

Demut

Demut – ein rätselhafter Begriff. Versteht man ihn im kirchlichen Sinne, beschreibt es den Status eines Knechtes gegenüber seinem Herrn. Er charakterisiert ein Gefälleverhältnis eines Oben und Unten. Es ist genau das, was die Kirche uns seit 2000 Jahren erfolgreich einzureden versucht: Gehorcht dem, was Mutter Kirche Euch sagt! IHR seid die Diener, WIR sind die Herren.

Mein Verständnis von Demut ist ein anderes. Die Vorsaal Silbe „de“ bezeichnet immer die Negation eines Wortes: Eskalation vs. De-eskalation, moralisieren vs. de-moralisieren; Kompression vs. Dekompression usw.. Wozu braucht man Mut? Um sich zu stellen, um sich aus der Deckung heraus zu wagen und um notfalls für seine Überzeugungen und Standpunkte zu kämpfen. Unter diesem Aspekt formuliert sich im Mut „die Bereitschaft zum Kampf“.

Die Überwindung von Angst

Jeder kennt das aus seinem Alltag: Man hat Angst, den ersten Bungeejumping zu machen, man hat Angst mit dem Chef über die Gehaltserhöhung zu reden, man hat Angst sich in der fremden Stadt zurechtzufinden, man hat Angst den eigenen Fehler zuzugeben – man hat vor ALLEM Angst. Was es braucht, die eigene Angst zu überwinden, ist eben der MUT, den Schritt über die eigenen Ängste, Vorbehalte und inneren Widerstände zu wagen. 

„Du bist aber mutig!“ – jedem der einmal Mut bewiesen hat, ist die Anerkennung der anderen sicher. Die Anerkennung für die eigene Bereitschaft zu sich zu stehen. Mit jedem Mal, in dem man Mut beweist, wächst das Vertrauen in sich selbst. Allmählich wächst die Zuversicht, dass es nichts mehr gibt, was einen schreckt, dass man alles hinkriegt. Es ist das Vertrauen in die eigene Kraft, in die eigene Fähigkeit zu schaffen – in seine eigene Schöpferkraft. In dem Moment schwindet die Hoffnung und wächst das Wissen – jenes Wissen, dass man ALLES selbst verändern kann. Das Wissen, dass man keinen äußeren Umständen mehr ausgeliefert ist sondern 100-prozentig selbst für sich die Verantwortung trägt.


Wenn man jetzt ein „De“ vor Mut setzt kommt die Negation des Wortes „Mut“ heraus. Es ist die Negation der „Bereitschaft zum Kampf“ – weil man eingesehen hat, dass es gar nichts zu kämpfen gibt und dass man sich aus freien Stücken in die göttliche Ordnung einreihen kann. Eine Wurzel ist Teil des Stammes, der Stamm ein Teil des Baumes, der Baum Teil des Waldes, der Wald Teil der Landschaft, die Landschaft Teil des Landes, das Land Teil des Kontinentes, der Kontinent Teil der Erde, die Erde Teil des Universums und so weiter. Jeder Teil ist Bestandteil eines jeweils nächsthöheren Kontextes. Der Demütige hat genau dieses erkannt: Er braucht das Nächsthöhere nicht zu fürchten sondern er ist aus sich heraus Bestandteil des Nächsthöheren.

Demut ist der höchste Ausdruck von Vertrauen

Demut ist unter diesem Aspekt der höchste Ausdruck von Vertrauen. Das Vertrauen darauf, dass ich selbst eingebunden bin und in meiner Eingebundenheit mich im Schoß einer nächsthöheren Einheit befinde. Wenn man die Reihe Wurzel, Stamm, Baum, Landschaft, Land, Kontinent, Erde, Universum logisch weiter denkt, landet man irgendwann bei Gott. Insofern bezeichnet Demut für mich das Vertrauen in Gott – aber natürlich nicht im kirchlichen Verständnis. Gott ist nicht größer als ich, sondern gleichauf mit mir. Gott und ich sind eins, ich selbst bin ein Teil Gottes. Ich bin nicht das Ganze, aber ich bin Teil des Ganzen. 

Mit dieser Erkenntnis, dass wir selbst ein Teil Gottes sind, würden wir was übernehmen? Es ist die Verantwortung des Schöpfers, des Schöpfenden – wir wären selbst Schöpfer und Bestimmer unserer Realität. Wir wären in dem Moment dafür verantwortlich wie es in der Welt aussieht: für das Artensterben ebenso wie für den Klimawandel, für schmelzende Pole, Dürren, für sämtliche Kriege und Corona. Solange wir nicht erkennen, dass wir selbst die Schöpfer unserer Realität sind und es keinen Gott außerhalb von uns selbst gibt, der uns hilft, keine Regierung, keine Medizin, kein Wunder oder Ähnliches – solange wird es keine Veränderung geben. Niemals.

Friede „im Kleinen“

Im Kleinen sehe ich es als meine Aufgabe, wenigstens Paare auf den Weg der eigenen Verantwortung zu führen mit dem Ziel, dass beide erkennen, dass nicht der Partner schuld ist sondern dass jeder einzelne für sich die Verantwortung trägt. Erst in dem Moment, in dem die eigene Verantwortung erkannt wird, Schuldzuweisungen und Vorwürfe aufhören, herrscht Frieden: Frieden in sich selbst, Friede mit dem Partner und auf globaler Ebene Frieden in der Welt.

„Im Kleinen“ meint ICH, meine Partnerschaft und meine Familie. Wie soll Frieden in der Welt einziehen, wenn acht Milliarden Menschen im Krieg mit sich selber, ihren Partnern und ihren Kindern sind? Denn von wem gucken sich Kinder das Kriegerische ab? Immer von den Eltern. Ein Säugling, der auf die Erde kommt, sieht sich mit einem Mal einer Welt gegenüber, die er nicht versteht und nicht verstehen kann. Eben noch im Mutterleib prasseln in der nächsten Sekunde massenweise neue Eindrücke auf ihn ein. Man stelle sich für einen Moment lang vor, man habe neun Monate in absoluter Finsternis gelebt und plötzlich macht man die Bekanntschaft mit Licht, Geräuschen, Bewegung, Sprache und Umrissen, die man nicht deuten kann. Wie wird ein Neugeborenes wohl anders auf diese neuen Sinneserfahrungen reagieren als mit Angst? Aber alles was es aus seiner Angst heraus machen kann, ist schreien. Wenn es schreit, bekommt es die Brust, Wärme, Zuneigung und Zärtlichkeit. D.h.: das Neugeborene befindet sich in kompletter Abhängigkeit zu seiner Mutter. Alles, was es fortan lernt, lernt es von ihr und nachgelagert von seinem Vater.

ALLES wird erlernt von den Eltern

Ebenso wie man Sprache lernt – wie ein Kind in Deutschland deutsch lernt, wie ein Kind, dass in Polen geboren ist, polnisch lernt oder ein Kind, dass in China zur Welt gekommen ist, chinesisch lernt, übernehmen wir auch alles andere von unseren Eltern. Je nachdem, welche Sprache unsere Eltern sprechen, plappern wir genau das nach – solange bis uns allmählich BEWUSST wird, dass das, was wir lernen, funktioniert – z. B., dass wir uns verständlich machen können.

Wenn die Eltern immer streiten, lernt das Kind automatisch, dass Beziehung aus Streit besteht. Das Kind kann noch nicht hinterfragen oder sich ein eigenes Urteil bilden. Es fehlt ihm das Bewusstsein, dank dessen es vergleichen kann, weil es ja gerade erst in der Welt angekommen ist. Wie soll ein Kind dann Frieden lernen, wenn seine nächsten Bezugspersonen um ihn herum im Krieg sind? Denn für das Kind wird exakt die Sprache zur Selbstverständlichkeit und zur Wahrheit, die es erlernt hat.

Das Wunderbare an Kindern ist, dass wenn ein Kind, das deutsch spricht im Sandkasten sitzt mit einem Kind das polnisch spricht sich beide innerhalb von kürzester Zeit auf ein gemeinsames Spiel einigen können, obwohl sie
sich auf sprachlicher Ebene nicht verständigen können. Wozu Kinder intuitiv in der Lage sind, haben Erwachsene verlernt. Sie stehen voreinander und schreien sich gegenseitig an, dass der jeweils andere doch erst mal deutsch oder polnisch oder chinesisch lernen solle, bevor er das Wort an ihn richtet. Seit der Mensch vor 20.000 Jahren sesshaft geworden ist, entstehen aus dieser Unfähigkeit Streit, Eskalation und Krieg.

Werdet wie die Kinder

Und genau das ist meines Erachtens damit gemeint, wenn Jesus in Matthäus 18.3 spricht: „Wahrlich, ich sage Euch, so Ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet Ihr nimmermehr in das Reich der Himmel eingehen“. Die Kinder, die zwangsläufig im Vertrauen auf ihre Eltern sein MÜSSEN, für die die Eltern zwangsläufig die nächsthöhere Ordnung darstellen, in der sie sich ganz automatisch begreifen und in die sie sich freiwillig einordnen. Diesen Schritt in die Demut – des Sich-Begreifens in einer nächsthöheren Ordnung (hier der Eltern) – den das Kind noch komplett UNBEWUSST macht, dafür hat der Erwachsene ein ganzes Leben lang Zeit diesen Schritt BEWUSST zu vollziehen. „Wenn ihr nicht umgekehrt WIE die Kinder“ – nämlich frei von Schuld, dann werdet ihr niemals Frieden finden. Was die Kirche seit über 2000 Jahren daraus macht ist: „Werdet Kinder!“ – gehorcht blind dem, was Mutter Kirche Euch befiehlt! Aber das widerspricht der Idee von Demut diametral – sondern ist nichts weiter als ein autoritäres Dekret.