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Ein Blog Artikel

Werdet wie die Kinder

„Bin ich nicht ein Narr, dass ich mich schrecken ließ? – Es gibt ja schwarze Vogel in der Welt, warum denn nicht auch schwarze Menschen?“ Diese einfache wie 100prozentig plausible Erklärung gibt sich Papageno in Mozarts Zauberflöte als er in Monostatos zum ersten Mal in seinem Leben einem schwarzen Menschen gegenüber steht. Er bewertet nicht, wie auch noch kein Kind bewertet. Kinder stellen fest, dass ein Gegenüber anders ist, unterteilen jedoch noch nicht in Gut und Schlecht oder höherwertig und minderwertig. Beobachtet man Kinder im Sandkasten, gehen sie ohne jedes Vorurteil miteinander um – egal ob das andere Kind schwarz oder weiß, rothaarig oder behindert ist.

Natürlich vs. normal

Kinder sind völlig unvoreingenommen. Wie sollten sie auch voreingenommen sein? Gerade auf der Welt angekommen, haben sie ja noch keinerlei Erfahrungen oder Vergleiche. Sie nehmen das, was sie hier entdecken als natürlich gegeben an. Die Bewertung allerdings übernehmen sie von den Eltern und da sie deren Bewertungen ebenfalls noch nicht reflektieren können, übernehmen sie diese als „Normalität“ – als das, was den Normen der Eltern entspricht. „Natürlich gegeben“ wird in diesem Schritt umgewandelt zu „einer Norm entsprechend“.

Wer das kleine, unendlich empfindliche, blaugeäderte Köpfchen eines Neugeborenen betrachtet, kann unmöglich davon ausgehen, dass in diesem Köpfchen bereits ein schlechter Gedanke, ein Vorteil oder Vorwurf nistet. Der Säugling ist im wahrsten Sinne des Wortes unschuldig – er weiß noch nichts vom Konzept  der Schuld, von Tätern und Opfern, von Schuld und Sühne, von Gewalt, Krieg und Vernichtung. Das Neugeborene liegt gespannt auf die Dinge, die da kommen, in seinem Bettchen und versucht jeden Tag den Stern, auf dem es hier gelandet ist, ein bisschen besser zu verstehen und zu be-greifen. Wie ein Außerirdischer, der sich urplötzlich in einer für ihn absolut fremden Welt wiederfindet, der noch nichts weiß von einer Natur, den Elementen, von deren Zusammenhängen, von Menschen, Tieren und Pflanzen, von Liebe, Trauer und Tod.

Unbewusstes Lernen

Weil das Neugeborene aber selbst weder in unserem Sinne denken, weder sprechen, noch Zusammenhänge herstellen, eigene Meinungen ausbilden, weder vergleichen noch bewerten kann, ist es seinen Bezugspersonen ausgeliefert, die eben DAS schon können – in der Regel Mama und Papa. Also übernehmen sie ungeprüft deren Denken, deren Meinungen, deren Art Zusammenhänge herzustellen, deren Bewertungen – kurz deren Sicht auf die Welt. Die Mehrheit der Wissenschaftler geht davon aus, dass die prägenden Jahre im Leben eines Kindes die zwischen null und drei sind. Kein Mensch kann sich jedoch erinnern wie er seine Sprache erlernt hat – genauso wenig wie er sich erinnern kann, dass er bestimmte Bewertungen erlernt hat. Alles was man im Alter von null bis drei erlernt, übernimmt man in einem unbewussten Zustand. Man imitiert, man plappert nach, man kopiert, man beobachtet und hört zu. Ein Kind weiß noch nichts von Grammatik oder dass die Sprache, die es lernt, deutsch ist – gleichwohl beherrscht es sie nach wenigen Jahren, einfach aufgrund der Tatsache, dass es sich täglich im Imitieren der Erwachsenen übt.

Subjektive Wahrheiten

Nun trifft ein Kind, dass deutsch gelernt hat auf ein Kind, dass französisch gelernt hat und wundert sich, dass, obwohl das Gegenüber spricht, es nicht versteht, was es sagt. Es wird damit konfrontiert, dass es neben einer eigenen erlernten „Wahrheit“ auch noch eine andere „Wahrheit“ gibt – in diesem Fall „französisch“. Es ist bemerkenswert wie schnell Kinder sich von ihrer eigenen „Wahrheit“ verabschieden und sich in kürzester Zeit mit dem französischen Kind darüber einigen was man spielt. Was Kinder ganz intuitiv machen, fällt den Erwachsenen umso schwerer. Erbittert streitet man mit seinem Partner wie die Spülmaschine richtig eingeräumt wird, wie die Zahnpastatube korrekt ausgedrückt wird und in welcher Form man seine Liebe dem anderen gegenüber auszudrücken hat. Dabei geht es jedoch nie um die Sache selber sondern immer um das, was man mal als Wahrheit darüber gelernt hat. Jeder hat seine subjektive Wahrheit und meint irrtümlich, dass es sich um DIE WAHRHEIT handele. Seit tausenden von Jahren sprengt genau diese Tatsache Freundschaften, Beziehungen und Ehen.

Die Umkehr

Es ist die kindliche Flexibilität, mit anderen „Wahrheiten“ umzugehen, die  Jesus in Matthäus 18 sagen lässt: „Amen, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.“ In meinem Verständnis zu übersetzen mit: Wenn Ihr auf Eurem Weg der einseitigen Bewertung in Gut und Schlecht, Oben und Unten, Links und Rechts, Hell und Dunkel etc. nicht umkehrt und Euch wieder Richtung Unvoreingenommenheit von Kindern, die noch nichts von SCHULD wissen, entwickelt, werdet Ihr niemals ins Himmelreich eingehen, d. h. Frieden finden. Denn wirklichen Frieden findet nur, wer jegliches Kämpfen gegen ein Außen eingestellt hat, wer mit ALLEM WAS IST, jenseits jeder Bewertung, einverstanden ist.

Jesus hat nicht gesagt `werdet Kinder´ wie die Kirche es interpretiert: `Seid brave Kinder und gehorcht dem, was Mutter Kirche Euch vorbetet. Gebt Verantwortung ab und bezahlt brav Eure Steuern, damit sie Mutter Kirche für Euch übernimmt´. Jesus hat von einer Umkehr gesprochen. Für die Einsicht umzukehren, unsere Vorbehalte aufzugeben und Frieden in uns zu finden, haben wir exakt ein Leben lang Zeit. Denn um umzukehren zu können, muss man erst mal loslaufen. Ein Kind ergreift UNBEWUSST die Hand von Mama und Papa und läuft mit – egal wohin. Die Umkehr hingegen ist Folge eines Prozesses der BEWUSSTWERDUNG, wer man selbst sein möchte.