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Ein Blog Artikel

Corona – Eine Kinder-Krankheit

Paarberautng in Hamburg in der Corona-Zeit

Die Tochter kommt weinend zu ihrem Vater gelaufen und hält ihm ihre zerbrochene Puppe hin. „Ach, was ist denn da passiert?“, fragt der Vater. „Der Weg war uneben und da bin ich gestolpert.“ Der Vater tröstet die Tochter und macht die Puppe wieder heile. „Pass morgen einfach besser auf sie auf“. „Ja, ja, Vater“, antwortet die Tochter, doch am nächsten Tag kommt sie wieder mit der abermals zerbrochenen Puppe gelaufen. „Was ist denn heute passiert?“, fragt der Vater wieder. „Ich habe sie fallen lassen und dann ist jemand drauf getreten.“ Wieder tröstet der Vater die Tochter und macht die Puppe wieder heile. „Pass morgen aber wirklich besser auf sie auf!“ „Ja, ja, Vater“, antwortet die Tochter, doch am nächsten Tag ist die Puppe schon wieder kaputt. Weinend hält sie sie dem Vater hin. „Und? Was ist heute passiert?“ „Ich habe sie schlafen gelegt und als ich wieder kam, waren sie entzwei“. Der Vater runzelt die Stirn: „Einmal mache ich sie Dir jetzt noch heil“. „Ja, ja, Vater“, sagt die Tochter, „Ab morgen pass ich auch ganz sicher drauf auf!“ Natürlich kommt sie auch am vierten Tag weinend mit ihrer zerbrochenen Puppe zum Vater gelaufen. Der schaut sie gütig an: „Dreimal habe ich dir geholfen. Jetzt musst DU die Verantwortung für Dein Handeln übernehmen.“ Ungläubig schaut sie den Vater an und zieht sich schmollend zurück. 

Es hilft nichts. 2020 müssen wir Verantwortung übernehmen – ob wir wollen oder nicht. Wir können sie auf keine Wissenschaft, nicht auf die Politik, nicht auf Erfinder, nicht auf die Philosophie, auf irgendwelche Lehren und Konzepte, ja nicht einmal auf den lieben Gott abwälzen – ohne unser eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Nicht zufällig boomen gerade Verschwörungstheorien, weil es doch einfach nicht sein kann, dass an der ganzen Misere keiner Schuld sein soll?! Seit tausenden von Jahren wurde noch immer ein Schuldiger gefunden: mal die Schwarzen, mal die Rothaarigen, mal die Hebammen, mal die Juden, mal die Andersgläubigen, mal die Buckligen, mal die Fremden. Immer waren es DIE anderen. Schuld trennt. Schuld teilt immer in zwei Parteien – in Wir und Nicht-Wir, in Oben und Unten, in Sieger und Verlierer, in Opfer und Täter. Aber wollen die Täter „Täter“ sein? Wollen sie die Schuld bei sich behalten? Natürlich nicht. Sie weisen die Schuld von sich und versuchen sie, dem Opfer in die Schuhe zu schieben. Das will die Schuld aber auch, denn sie macht aus ihm ja den Täter – also wälzt es sie wieder auf den anderen ab undsoweiterundsoweiter. Einer schiebt sie dem anderen zu und der andere wieder dem einen – die Schuldwippe ist nicht mehr zu stoppen.

Für die Israelis sind die Palästinenser schuld, dass es keinen Frieden gibt, für die Palästinser sind es die Israelis. Für die USA ist es der Islam, für den Islam sind es die USA. Die größere Schuld am Klimawandel sieht die Kreuzfahrtindustrie in der Luftfahrt, für die Luftfahrt ist es die Automobilindustrie, für die Automobilindustrie ist es die Landwirtschaft, für die Landwirtschaft ist es die EU, für die EU ist es die Weltwirtschaft, für die Weltwirtschaft ist es die Globalisierung und hinter der Globalisierung steht ja kein identifizierbares Individuum mehr sondern vielmehr Zwänge, denen sich keiner entziehen kann. Voilà: Problem gelöst, Schuld sind die Zwänge.

Mit den Zwängen ist der Schuldige zwar gefunden, mit den Konsequenzen dieses Konzeptes müssen wir aber trotzdem leben – bzw. nachfolgende Generationen noch in weitaus brutalerem Maß. Kinder sind noch nicht in der Lage, die Verantwortung zu übernehmen – weil sie erst ganz kurz auf der Erde sind und vieles hier noch nicht begreifen können, weil sie eben Kinder sind. Kinder brauchen ihre Eltern, damit sie lernen, dass man z. B. bei Rot nicht über die Ampel geht, dass man beizeiten ins Bett muss, um am nächsten Tag ausgeschlafen zu sein, dass die Mauer zu hoch ist um runter zu springen, weil man sich dabei verletzen kann usw. Und Kinder haben Eltern, um Verantwortung in Fragen für sie zu übernehmen, die sie selber noch nicht entscheiden können.

Nur wenn die Eltern die Verantwortung für das eigene Handeln nicht übernehmen sondern stattdessen in Form von Schuld anderen in die Schuhe schieben, dann haben die Kinder in ihren Eltern nur an Jahren ältere Kinder an ihrer Seite. In diesem Fall lernen Kinder von Kindern, keine Verantwortung zu übernehmen. Und das ist ein Prozess, der sich insbesondere seit der Industrialisierung von Generation zu Generation fortsetzt – einem Denken und Handeln folgend, das nicht mehr Verantwortung sondern einzig und allein alles dem Profit unterordnet.

Wir sind eine Welt von Kindern, die sich die kindischsten Kinder der Welt zu ihren Führern gewählt haben: Trump, Bolsonaro, Johnson, Xi Jinping, ehedem Berlusconi usw.. Keine Kritik an den Herren, denn WIR selbst haben sie gewählt. Und wen wählen Kinder? Immer diejenigen, die ihnen die meiste Schokolade versprechen, ohne etwas dafür tun zu müssen.

Wir alle sind Kinder, die es verlernt haben, Verantwortung für unser eigenes Handeln zu übernehmen. Wenn es gut läuft, dann preisen wir die Marktwirtschaft und das freie Spiel der Kräfte. Aber wenn es schlecht läuft, rufen wir plötzlich nach dem Staat, der unsere Ansprüche befriedigen soll – Stichwort Lufthansa. Wie das Kind mit der zerbrochenen Puppe, das zu seinem Vater läuft. „Pass besser drauf auf! Übernimm Verantwortung!“ sind seine Hinweise, die in den Ohren des Kindes ungehört verhallen. „Wer nicht hören will, muss fühlen“, sagt ein altes deutsches Sprichwort. Und was fühlen wir gerade? Vielleicht ist es das unangenehme Gefühl der Verantwortung, die uns über Nacht durch einen unsichtbaren Virus aufgezwungen wurde – ob wir wollten oder nicht. Ein wunderbares Bild dafür sind die Masken, die sich die ganze Welt vors Gesicht gehängt hat, um sich selbst nicht anzustecken oder seine Nächsten vor Ansteckung zu bewahren. Übernehmen wir Verantwortung nur dann, wenn unser eigenes Leben auf dem Spiel steht?