Sie befinden sich hier

Ein Blog Artikel

COVID-19 ist kein medizinisches- sondern ein Verantwortungsproblem

covid-19 Paartherapie

Der Löwe ist los! Rette sich wer kann. alle rennen in ihrer Angst vor dem Tier panisch weg. Dabei ist der Löwe nicht das Problem. Er ist, wie der Mensch, auch nur Teil der Natur. Genau wie der Mensch möchte auch er nur leben. Das, was ihn gefährlichen macht, ist die Sorglosigkeit, Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit des Menschen, keine Vorkehrungen zur eigenen Sicherheit getroffen zu haben – zum Beispiel die gewissenhafte Verriegelung des Käfigs. In diesem Moment wird der Löwe gefährlich und unberechenbar.

In der Corona Krise versetzt uns ein unsichtbarer Virus in totale Panik: War es mangelnde Hygiene auf einem chinesischen Markt, war es, wie Verschwörungstheoretiker glauben, eine gezielte Entwicklung in geheimen Labors dunkler Mächte oder war es laut Esoterikern die Rache von Mutter Erde an den dummen Menschen? Nichts dergleichen! Das was im Moment vorgeht, ist lediglich die logische Konsequenz eines bestimmten Denkens und Handelns.

Die Wurzel ist Teil des Baumes, der Baum ist Teil des Waldes, der Wald ist Teil der Landschaft, die Landschaft ist Teil der Natur. Jedes Ding und jedes Lebewesen hat seinen Platz immer in einer nächsthöheren Ordnung. Mit seiner Geburt muss der Mensch sich erst einmal als Mensch begreifen, bevor er sich als Teil der nächsthöheren Ordnung begreifen kann. Der Embryo lebt neun Monate über die Nabelschnur verbunden in der Einheit mit seiner Mutter. In der Sekunde, in der die Nabelschnur durchschnitten wird, mutiert der herangereifte Fötus zum Säugling – vollzieht sich der Schritt aus der Einheit in ein eigenes Leben. Die Einheit, in der er sich eben noch mit der Mutter befand, spaltet sich auf in „Ich“ und Mutter. Lebte der Ungeborene neun Monate im Inneren der Mutter und wurde über die Nabelschnur ernährt, muss das Kind jetzt selber atmen und sich als Säugling selbst ernähren. Der erste Atemzug wirft gewissermaßen die unglaublich komplexe Maschine des nunmehr eigenen Lebens an. Mit der Abnabelung hat das Kind die ersten Jahre Zeit zu definieren, wer und was es selber ist – in Abgrenzung zu dem, was und wer es nicht ist. Es entdeckt die Polarität, in der es sein „Ich“ nur definieren kann vor dem Hintergrund von „Nicht-Ich“. In der so genannten Trotzphase sagt das Kind per se zu allem „Nein“, um in der Abgrenzung rauszukriegen wer und was es selbst ist und was nicht zu ihm gehört.

Wenn ich mir die Situation anschaue, die Corona hervorgebracht hat, dann stelle ich fest, dass wir als Gesellschaft in einer kollektiven Trotzphase stecken geblieben sind, in der es nur um die Definition des eigenen „Ichs“ geht – um die individuellen Bedürfnisse nach Konsum, um materielle Selbstverwirklichung und um das Machbare um jeden Preis, wie die Besteigung des Mount Everest, Heli Skiing in den Rockies, Weltraum-Trips o. ä.. Wir sind eine Gesellschaft von großen Kindern, die das nicht übernehmen wollen, was den Menschen zum Erwachsenen macht:

Verantwortung.

Wir begreifen uns als lauter einzelne „Iche“ und nicht mehr als Teil von etwas Größerem: der Natur. Die Wurzel ist Teil des Baumes, der Baum ist Teil des Waldes, der Wald ist Teil der Landschaft, die Landschaft ist Teil der Natur. Unsere Sichtweise heute hat sich aber genau ins Gegenteil verkehrt: Für uns ist die Natur Teil der Landschaft, die Landschaft Teil des Waldes, der Wald Teil des Baumes und der Baum Teil der Wurzel. Aus unserer Sicht ist die Wurzel das höchste Ordnungsprinzip, dem sich alles andere unterzuordnen hat. Der menschliche Irrglaube unterliegt damit einer totalen Hybris. Denn die große Natur wird sich nie und nimmer der kleinen Wurzel unterordnen. WIR schieben die Schuld an der Krise der Natur zu, die irrtümlicherweise COVID-19 produziert hat und meinen, mit der Entwicklung eines Impfstoffes würde sich die Situation, in der wir uns im Moment befinden, lösen lassen.

Was wir selbst als Verantwortung nicht übernehmen wollen, schieben wir kurzerhand als Schuld auf einen Virus, dunkle Mächte, mangelnde Hygiene oder was auch immer ab. Denn das Zuweisen von Schuld ist das seit Tausenden von Jahren bewährte Instrument, um selbst keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Nimmt man aber für einen Moment lang die Schuld – also die Möglichkeit, Verantwortung abzuwälzen – weg, dann fällt im selben Moment die Verantwortung unversehens auf uns selbst zurück. Die Zwangsruhe, die uns der Virus momentan aufnötigt, könnten wir dazu nutzen, nicht über die Neuordnung der Weltwirtschaft, über den negativen Einfluss von multinationalen Konzernen oder den beschleunigten Ausstieg aus der Kohle zu diskutieren – sondern uns erst einmal grundsätzlich Gedanken darüber zu machen, ob das Konzept der Schuld noch funktioniert bzw. überhaupt jemals funktioniert hat.