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Ein Blog Artikel

Das Ende der Schuld

Verantwortung!

Krise kommt von griechisch „Crisis“ und bedeutet Entscheidung. Krise im Wortsinn meint also ganz banal eine Situation, die eine Entscheidung fordert. Die Corona-Krise stellt uns vor die Entscheidung: „Verantwortung“ oder „Schuld“. Wofür entscheiden wir uns? Für die Verantwortung? Dann wäre jede Frage nach dem wieso und warum hinfällig – denn allein die Frage beinhaltet ja schon wieder versuchen einen „Schuldigen“ oder irgendetwas, was schuld an der Situation hat – z. Z. den Virus selbst, mangelnde Hygiene auf irgendwelchen Märkten am anderen Ende der Welt, Politiker, die Grenzen nicht rechtzeitig geschlossen haben oder wen oder was auch immer – alles Umstände, die außerhalb unseres eigenen Verantwortungsbereichs lägen. Wenn wir die Ursache der Misere also nicht mehr auf ein Außen projizieren würden, dann blieben als Ursache nur wir selbst. Wir alle trügen in diesem Fall die Verantwortung.

Dann wäre die Krise nicht mehr die kausale FOLGE irgendeines äußeren Sachverhalts, sondern AUSDRUCK unserer eigenen Verantwortung – unser aller Denkens und Handelns. Der Vorteil: Wir bräuchten nicht mehr zu abzuwarten, bis sich im Außen etwas verändert und uns solange als handlungsunfähige Figuren in einem Spiel begreifen, auf das wir keinen Einfluss haben. Das Ungewohnte: Wir müssten, wenn wir volle Verantwortung für die Situation übernehmen, der Frage nachgehen was im Denken und Handeln eines jeden Einzelnen nicht funktioniert hat, sodass wir als Gesellschaft jetzt in der Situation sind in der wir sind.

Oder nochmal anders: Wenn das Ergebnis unseres Begriffs von Verantwortung die Situation ist, in der wir jetzt sind, dann funktioniert das, was wir unter Verantwortung verstehen offensichtlich nicht. Aus nicht übernommener Verantwortung wird Schuld – das, was wir an eigener Verantwortung ablehnen, schieben wir als Schuld einfach anderen zu. Die anderen wollen die Schuld aber auch nicht und schieben sie kurzerhand weiter oder an uns zurück. Und jetzt beginnt ein Kreislauf eines niemals endendes Hin- und Hergeschiebes von Schuldzuweisungen, Rechtfertigungen und Gegenvorwürfen ohne jemals zu einer Lösung oder einem konkreten Ergebnis zu kommen. Und das, wovor wir uns seit der Industrialisierung vor rund 250 Jahren so sehr gedrückt haben, zwingt uns jetzt ein unsichtbarer Virus ob wir wollen oder nicht auf: die Übernahme von Verantwortung. Unter diesem Aspekt bestünde die Aufgabe also jetzt darin, unseren Begriff von Verantwortung zu hinterfragen und in der Folge erst unser Denken neu zu definieren und dann unser Handeln daran auszurichten.

Davon, dass sich die Menschen seit eh und je vor der Verantwortung drücken, ist die Verantwortung noch nie verschwunden – und wird nie verschwinden. Denn Ver-Antwortung ist die Pflicht des Individuums, die Fragen, die sich ihm stellen, zu durchdenken und individuell für sich zu beantworten. Die Pflicht bei jeder einzelnen Frage abzuwägen und zu einer eigenen Entscheidung zu kommen wurde immer umgangen, indem man die Beantwortung der Fragen an ein Außen abgetreten hat: den König, die Kirche, das Parlament, den Chef, die Gewerkschaft, die Bibel usw.. Eine Frage, die sich daraus ergibt heißt: Taugt unsere Demokratie in ihrer bisherigen Form noch oder müssen wir sie weiterentwickeln?

„Verantwortung“ oder „Schuld“? Entscheiden wir uns für die „Schuld“ und begreifen uns weiterhin als „Opfer“ eines Virus, der Chinesen oder eines Gottes wie immer der auch heißt, ist die nächste Katastrophe bereits heute vorprogrammiert. Denn der Preis, den jedes „Opfer“ dieser Welt zahlt, ist das Ausgeliefertsein an die Situation und die Unfähigkeit sie zu ändern. Der Gewinn des „Opfers“ ist nie Verantwortung übernehmen zu müssen, der Preis des „Opfers“ ist immer die eigene Freiheit. „Schuld“ sind immer die anderen. „Verantwortung“, die Pflicht Antwort zu geben, liegt immer bei einem selbst – mit dem Gewinn Situationen, Gesellschaft und das eigene Leben aktiv gestalten zu können. Was ich als Therapeut tagtäglich im Kleinen versuche, Menschen diesen Gewinn zu vermitteln, liegt jetzt als größte Herausforderung in der Menschheitsgeschichte vor uns, bewältigt zu werden. Dass kein Missverständnis entsteht: Natürlich muss mit aller Kraft nach einem Impfstoff geforscht werden, denn jeder Tag ohne kostet Menschenleben. Nur: daran zu glauben, der Impfstoff löse die eigentliche Herausforderung, die in der Corona-Krise liegt, ist naiv. Die Aufgabe liegt in der ENTSCHEIDUNG Verantwortung zu übernehmen.    

Und eigentlich haben wir schon seit langem keine wirkliche Wahl mehr, weil das Hin- und Herschieben von Schuld nicht funktioniert hat und immer weniger funktionieren wird. Trump, Johnson, Orban oder die AfD sind nur Extreme, die sich aus Angst vor dem was kommt verzweifelt am Alten festkrallen. Nur wird die Krise in ihren Verwerfungen viel zu groß sein, als dass ein noch so großer Rettungsschirm das Weitermachen im alten Modus wird sicherstellen können. Allein schon, dass die Nachfrage nach Autos in China einbricht, wird dazu führen, dass die deutsche KFZ-Industrie relativ bald in großem Maßstab entlassen muss. Wenn die KFZ-Industrie Kredite nicht mehr bedienen kann, werden Banken dicht machen. Wenn Banken dicht machen, verlieren Sparer ihre Guthaben, können ihre Miete nicht mehr bezahlen, nicht mehr konsumieren und nicht mehr reisen undsoweiterundsoweiter. In den Abwärtsstrudel werden nach und nach sämtliche Branchen geraten. Das Bemühen des Wirtschaftsministers, Menschen mit der Zusicherung zu beruhigen, kein Arbeitsplatz werde verloren gehen, ist zwar aller Ehren wert, zeugt aber von totaler Hilflosigkeit und Verkennens des tatsächlichen Problems, das sich durch die Krise zeigt: dass das Prinzip Wachstum in einer begrenzten Welt an sein Ende gekommen ist.

Was wollen Hausbesitzer machen, wenn plötzlich zehn oder zwanzig Millionen Arbeitnehmer ihre Miete nicht mehr bezahlen können? Sie alle an die Luft setzen, wenn es gleichzeitig niemanden mehr gibt, mit dem sie ihre freiwerdenden Wohnungen neu belegen können? Was fangen sie mit ihrem Kapital an, wenn das System, das auf einzig und allein auf Kapital aufbaut, nicht mehr funktioniert. Auf diese Frage hat kein Wirtschaftsminister, keine Kanzlerin, kein Börsen- und kein Sozialexperte, keine Schwarzen, Roten oder Grünen die Antwort. Der Kapitalismus funktioniert nicht mehr und sein Prinzip des unendlichen Wachstum ist an ein Ende gekommen – nur kennen wir Älteren gar nichts anderes als dieses eine Prinzip. Deshalb ist es die Frage, ob gerade von denen, die nichts anderes kennen, die Beantwortung der Frage nach der Alternative zu diesem Prinzip zu erwarten ist? Die Frage steht seit der Veröffentlichung der „Grenzen des Wachstums“ 1972 im Raum und wurde in knapp 50 Jahren nicht beantwortet.     

Auch ich selbst, Jahrgang 1965, kenne nichts anderes als das Wachstumsprinzip. Und weil ich kein gutes Gefühl damit hatte – aber auch keine Alternative – habe ich insgeheim immer gehofft, dass ich das, was jetzt eingetreten ist, nicht mehr erlebe. Nun ist es eingetreten. Und ich habe auch keine Lösung. Die Fragen, die sich jetzt stellen, sind viel zu komplex, als dass sie ein einzelner, eine Partei oder ein Land beantworten kann. Vielmehr sind wir jetzt mehr denn je über Interessen, Parteibücher und Glaubensrichtungen hinweg ALLE aufeinander angewiesen. Und weil sich jetzt zeigt, dass das alte Denken so kolossal gescheitert ist, ist ein neues Denken erforderlich. Neu zu denken, sind aber aus meiner Sicht, nur die Jungen in der Lage. Fridays for Future hat die Zeichen der Zeit bereits vor zwei Jahren erkannt und genau darauf aufmerksam gemacht, was jetzt Wirklichkeit geworden ist. Was wir Älteren nicht wahr haben wollten, haben die Schüler bereits glasklar formuliert. Umso mehr müssten wir ihnen jetzt Vertrauen schenken, ihnen Gehör und politischen Einfluss geben. Was jetzt mehr denn je gefragt ist, sind Kreativität, unkonventionelle Ideen und jugendliche Tatkraft. Was wir Älteren an dieser Stelle tun können? Auf sie hören, ihren Ideen dienen und sie mit aller Kraft unterstützen! Es geht dabei nicht darum, sich der Verantwortung zu entledigen und die Lösung der Situation auf die Jungen abzuwälzen.

Es geht, vor dem Hintergrund eines alten Denkens, das jetzt so offensichtlich gescheitert ist, um unser Vertrauen in diejenigen, die überhaupt nur einen neuen Weg vorgeben KÖNNEN. Und 100prozentige Unterstützung dafür, dass der Weg, den sie dann vorgeben, erfolgreich werden wird.