Elterliche Verantwortung

Vater und Mutter stehen dicht nebeneinander. Das Kind steht entspannt auf ihren Schultern – mit einem Bein auf der Schulter der Mutter, mit einem auf der des Vaters. Nun rücken Vater und Mutter mehr und mehr voneinander ab. Bislang entspannt, wird es für das Kind immer schwieriger die Lücke zu überbrücken und stehen zu bleiben. Irgendwann reicht seine Kraft nicht mehr, den Spagat auszuhalten, und es fällt hinab. Dessen ungeachtet rücken die Eltern kontinuierlich immer weiter voneinander ab. Das Kind möchte, dass die Eltern zusammenbleiben und ergreift beider Hände, charmiert mal die eine mal die andere Seite. Ja, es fängt an, eigene Bedürfnisse zurückzustellen und versucht vielmehr die Wünsche zu beiden Seiten zu befriedigen. Immer weniger kann es Kind sein und immer mehr übernimmt es eine vermittelnde Rolle in der Beziehung der Eltern. Oftmals ist eines der – oder auch beide Elternteile in seinem eigenen Frust überaus dankbar für die emotionale Zuwendung des Kindes. Unmerklich wird es instrumentalisiert und beide Elternteile versuchen mit ihm eine Fraktion zu bilden. Irgendwann hält das Kind diesen Druck nicht mehr aus und der entlädt sich dann in Form von – sogenanntem – ADHS, in autoaggressivem Verhalten, in Totalverweigerung oder in Phasen tiefer kindlicher Schwermut.

Kinder sind ein Spiegel

Nur eine ganz persönliche Meinung: Ich halte ADHS für eine Erfindung der Medizin im Versuch ein für sie unerklärliches Phänomen zu benamsen. Mit dieser Diagnose schickt man die Kinder dann in Psychotherapien und stopft sie mit Chemie voll, damit sie wieder funktionieren. Aber was funktioniert denn in Wahrheit nicht? Meine Erfahrung zeigt regelmäßig: es ist die Beziehung der Eltern. SIE müssten sich beide einer Psychotherapie unterziehen. Das Kind ist lediglich der Spiegel IHRER eigenen Unzulänglichkeiten. Doch ist es bequemer das Kind mit Ritalin zu füttern, als selbst in seine unbewussten Sphären hinabzusteigen – es könnte dort ja etwas lauern, was Schmerz bereitet. Um eines klar zu stellen: Es geht hier nicht um Elternschelte – keine Mutter, kein Vater macht das bewusst und will seinem Kind Böses. Nur muten Eltern, was sie sich selbst nicht zumuten wollen, eben leichtfertig ihren Kindern zu. Darüber würde es gelten, mal nachzudenken und eine BEWUSSTE Entscheidung zu treffen.

Jedes Kind schmiedet seine individuelle „Überlebensstrategie“

Ein Kind will leben. Und dazu braucht es vor allem in den ersten sechs Jahren die beiden Menschen, die ihm sein Leben geschenkt haben zu exakt gleichen Anteilen. Insofern ist auch die Liebe zu beiden Elternteilen exakt gleich im Verhältnis 50:50 verteilt. Weil ein Kind leben will, entwickelt es Strategien um sein Überleben zu sichern. Als ob es schlafwandelte, sucht es unbewusst nach einem Lebenskonzept für sich, dass ihm möglichst wenig Leiden bereitet. Und obwohl es immer bemüht ist, Leiden zu minimieren, hört die Leidensbereitschaft von Kindern erst mit dem eigenen Tod auf – denn im Kopf eines Fünfjährigen existiert die Möglichkeit noch gar nicht, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Nein, es erduldet Leiden und Schmerzen bis zum letzten Atemzug. Kinder sind per se das Leidensfähigste überhaupt. Kinder ertragen alles. Und das macht Kinder zum zartesten, empfindlichsten und kostbarsten Gut der Erde. Erstaunlich, wie wenigen Eltern das bewusst zu sein scheint?! Es stellt sich die Frage: Wollen Eltern ihren Kindern Schmerz und Leiden zumuten? Klar: bewusst natürlich nicht. Unbewusst tun es die meisten Eltern aber dennoch jeden Tag. Sich das Unbewusste bewusst zu machen, sich selbst kennenzulernen – das wäre die fällige Entscheidung.

Die Konstruktion von „Welt“

Ein Kind wird geboren. Eben noch im warmen, kuscheligen und sicheren Mutterbauch, findet es sich jäh einer kalten, unbekannten und unverstandenen Welt wieder. Seine Festplatte ist noch komplett leer. Es kann weder laufen, sprechen, noch hat es ein Bewusstsein, wer es selbst ist. Wissbegierig macht es sich nun auf, für sich Ordnung in dieses Chaos zu bringen, es versucht zu verstehen, zu begreifen, sich Meinungen über alles Mögliche zu bilden, um auf deren Basis zukünftig entscheiden zu können. Schnell sammeln sich Daten auf der Festplatte in seinem kleinen Hirn. Da es aber gerade erst zur Welt gekommen ist, kann es das, was es da an Daten sammelt, ja noch nicht auf Richtigkeit und Funktionalität überprüfen, weil es ihm schlicht an Erfahrung und Vergleichbarkeit mangelt. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als das für „wahr“ zu nehmen, was ihm angeboten wird. So konstruiert sich ein Kind seine Welt aus „Wahrheiten“ – über sich selbst, über Mann, über Frau, Beziehung, über Leben, Werte, über wie Konflikte gelöst werden, über Gewalt, über Dominanz, kurz über ALLES was menschliches Leben ausmacht. Weil es das ALLES als „Wahrheit“ abgespeichert hat, wird es in seinem künftigen Leben versuchen, dieser Wahrheit immer und immer wieder genügen. Was es übersieht ist, dass es nicht DIE Wahrheit sondern seine subjektive Wahrheit ist.

Kinder werden getragen durch ihre Eltern. Rücken die voneinander weg, fällt das Kind automatisch in die Lücke und übernimmt unbewusst Aufgaben, an denen es scheitern MUSS. Denn es kann nicht gleichzeitig Kind und Vermittler zwischen seinen beiden Eltern sein. Die Verantwortung der Eltern liegt aus meiner Sicht darin, wachsam über die „Lücke“ zu sein. Nur dann kann sich ein Kind ganz seinem Kindsein und den Herausforderungen widmen, sich „Welt“ auf entspannte Art und Weise zu nähern, sie allmählich zu begreifen und zu verstehen. Kinder gewöhnen sich an neue Situationen, auch an neue Partner und Lebensumstände. Woran sie sich aber per se nicht gewöhnen können, ist die Lücke – weil sie dort unweigerlich hineinfallen und absolut nichts dagegen tun können.

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