Das Einverstandensein mit dem Anderssein des anderen

Helios und Selene im alten Griechenland, Sol und Luna in der römischen Antike – seit uralter Zeit hat der Mensch das männliche Prinzip der Sonne und das weibliche Prinzip dem Mond zugeordnet. Offensichtlich verstand schon der antike Mensch, dass auf der Erde, die ihn umgab, verschiedene Kräfte – verschiedene Prinzipien wirken. So wählte er die Sonne zum Symbol für das Geistige, für Energie und Kraft, den Mond zum Symbol für das Seelische, Emotionale und Aufnehmende.

Männliches und weibliches Prinzip

Bleibt man für einen Moment in dieser Symbolik und fragt sich welchen Beitrag die Sonne und welchen Beitrag der Mond leistet, damit hier auf der Erde Leben stattfinden kann, dann lässt sich leicht die Analogie zur Partnerschaft zwischen Mann und Frau herstellen. Welche Aufgaben kommen dem Mann und welche der Frau zu, damit neues Leben entsteht und der ewige Prozess des Werdens und Sterbens nicht abreißt. Die Sonne steht in ihrer Riesenhaftigkeit am Himmel und erfüllt das ganze Universum mit Licht und Energie. Aber weder läuft sie auf irgendwelchen Bahnen noch dreht sie sich um sich selbst – alles was sie hat, ist ihre unendliche Kraft zu strahlen.

Der Mond hingegen ist der Erde wesentlich näher. Er umkreist die Erde einmal täglich und hat sie ständig im Blick. Er hält sie in ihrer Schrägachse und sorgt dadurch für eine ausgewogene Lichtverteilung auf der Erde. Ohne den Mond würde sich die Erde unkontrolliert schnell drehen, was lebensvernichtende klimatische Auswirkungen hätte, er sorgt für Ebbe und Flut, für Tag und Nacht und und und. Der Mond hat sehr viel mehr Aufgaben, ist aber millionenfach kleiner als die Sonne und aus eigener Kraft kann er auch nicht strahlen.

Gegenseitige Abhängigkeit

Was aber wäre, wenn die Sonne zum Mond sagen würde, dass ihr nicht passte, dass er sich seit Jahrmilliarden in ihrem Licht sonnte und sie jetzt keine Lust mehr hätte, weiter zu strahlen? Und was wäre wenn im anderen Fall der Mond zur Sonne sagen würde, dass er in Streik träte, weil er keine Lust mehr habe, ewig zu rennen während sie sich doch in all der Zeit noch nicht einen einzigen Millimeter bewegt habe. In beiden Szenarien würde in der selben Sekunde das GANZE System aufhören zu existieren und nicht nur die jeweilige Hälfte. Das Leben auf der Erde wäre zu Ende. Beide, Sonne und Mond, Mann und Frau sind aufeinander angewiesen, stehen in gegenseitiger Abhängigkeit, sind nichts ohne den jeweils anderen. Das ganze System basiert auf Achtung und Respekt vor dem Anderssein des Gegenübers – der andere ist weder besser noch schlechter, er ist einfach nur anders. Und sein Anderssein ergänzt das eigene Sosein zur Vollkommenheit – nur Yin im Zusammenspiel mit Yang schließt den Kreis.

Männer fühlen nicht anders, nur bringen sie ihre Gefühle anders zum Ausdruck als Frauen, sie denken anders, handeln anders und kommen auf anderen Wegen zum Ziel. Was Männer jedoch hilflos macht, ist das einerseits von ihnen erwartet wird, Entscheidungen zu treffen, sie aber sanktioniert werden, wenn die Entscheidungen von den präzisen Vorstellungen der Frauen abweichen. In ihrer Hilflosigkeit trinken sie Alkohol, werden aggressiv oder ziehen sich zurück, was wiederum die Frauen sich ohnmächtig fühlen lässt. Die Spirale des Sich-gegenseitig-Vertrauen-Entziehens bewegt sich kontinuierlich nach unten. Was fehlt, ist das Vertrauen in das Anderssein des Partners und dass dessen Entscheidungen auch zum Ziel führen. Besonders evident wird das oft beim Thema Kinder. Zwar wird Mann nach außen gelobt, dass er der beste Vater der Welt sei, intern wird ihm aber die Hölle heiß gemacht, wenn er aus Sicht der Frau beim Anziehen der Kinder farblich daneben liegt.

Die fließende Skala zwischen männlich und weiblich

Unabhängig vom Geschlecht vereinigt jeder Mensch männliche und weibliche Eigenschaften in sich. Kein Mensch ist nur das eine ODER das andere, sondern wir bewegen uns flexibel auf einer Skala zwischen Männlich und Weiblich. Je flexibler wir dabei sind, umso besser wir uns in unseren verschiedenen Facetten kennen, desto müheloser, selbstverständlicher und freier verläuft unser Leben. Auch in der Erziehung haben Frau und Mann verschiedene Aufgaben. Beinhaltet das weibliche Prinzip eher das Aufnehmende, Beschützende, Tröstende gegenüber dem Kind eröffnet das männliche Prinzip auch die Möglichkeit über Grenzen zu gehen, Risiken ab- und sich selbst einschätzen zu lernen. Beides ist für die gesunde Entwicklung eines Kindes gleich wichtig. Gewöhnt es sich zu sehr an den Schutz der Mutter, entwickelt es tendenziell einen ängstlichen, konfliktvermeidenden Charakter. Lernt es einseitig vorwiegend männliche Eigenschaften, wird es z. B. eher zum Draufgänger, dem entgeht was links und rechts um ihn vorgeht – wird in seinem Umfeld möglicherweise als Egoist wahrgenommen, was es ihm schwer macht wirkliche Beziehungen aufzubauen.

Sonne und Mond sorgen in der Ergänzung für die Leben ermöglichenden Bedingungen auf der Erde. Beide erfüllen ganz unterschiedliche Aufgaben und wirken in gegenseitigem Respekt an der höheren Aufgabe. Genau wie Mann und Frau, Vater und Mutter verschieden strukturiert sind und für jeweils andere Aufgaben vorgesehen wurden. Wenn sie mit dem Anderssein des jeweils anderen nicht 100prozentig einverstanden sind, sondern ihn für sein Anderssein ablehnen, was lernen Kinder dann von ihren Eltern über Beziehung? Die Ablehnung des Gegengeschlechts.

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